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Wie der Geruch Führungsbeziehungen beeinflusst – Interview mit Univ.-Prof. Bettina Pause

Bettina M. Pause

Univ.-Professorin Dr. Bettina Pause lehrt und forscht im Bereich der Biologischen Psychologie und der Sozialpsychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als international führende Geruchsforscherin erklärt sie, welche Bedeutung Gerüchen im Zwischenmenschlichen zukommt und erläutert unter anderem, welche Auswirkung eine geruchliche Wahrnehmung von Angst oder Aggression in Führungsbeziehungen besitzt. Gerade hat sie ein neues Buch Alles Geruchssache“ (2020) vorgelegt, in dem neben anderem gefragt wird, inwiefern der menschliche Duft mit Freundschaften, Liebe, Erfolg und Intelligenz zusammenhängen kann.

Dieser Beitrag gehört zur Serie: Interviews zur Führung

Auswahl weiterer Beiträge aus der Serie:

  1. Das Interview zu Coaching in Organisationen
  2. „Ich will wirken.“ – Interview mit Markus Stelzmann (TELE)
  3. Active Sourcing im digitalen Recruiting – Interview mit Samuel Ju (LEGALHEAD)
  4. Instrumentelle Führung – Interview mit Jens Rowold (TU Dortmund)
  5. „Kunst und Kultur verbinden Menschen im Unternehmen“ – Interview mit Thomas Kirchhoff
  6. „Hierarchien werden untergraben“ – Interview mit Prof. Dr. Jürgen Weibler
  7. Schwierige Führungssituationen souverän lösen – Ein Interview
  8. Wie der Geruch Führungsbeziehungen beeinflusst – Interview mit Univ.-Prof. Bettina Pause

Leadership Insiders: Der Geruch ist das evolutionär älteste Informationssignal, was von unserem dafür zuständigen Sinnesorgan, der Nase, und hier genauer der Riechschleimhaut, aufgenommen wird. Dank Ihrer langjährigen experimentellen Forschungen sind wir nun soweit, auch Anwendungsfragen zu verbinden. Die Einschätzung von Personen und die Bildung von Beziehungen gehören dazu. Da werde ich als jemand, der die Führung und Zusammenarbeit in Organisationen analysiert, natürlich hellhörig. Gewinnen wir dadurch bislang unbekannte Erkenntnisse, unerwartete gar? Doch bevor wir dazu kommen, sollten wir etwas mehr über dieses älteste Sinnesorgan wissen, oder?

Bettina Pause: Sicherlich. Zeigen wir also zunächst, worüber wir reden. Das Riechepithel im hinteren Teil der Nasenhöhle und die Areale, die für die Verarbeitung der Reize im Gehirn verantwortlich sind, sind in der Lage, mehr als eine Billion verschiedene Düfte zu unterscheiden. Farbtöne nehmen wir in rund 5 Millionen Ausprägungen wahr und bei Tonqualitäten sind dies rund 340. 000. Unverändert bleibt aber die Bedeutung des Geruches als ein spezifisches Chemosignal für die soziale Kommunikation.

Leadership Insiders: Und ein uns heute in diesem Zusammenhang besonders interessierende Geruch ist der Körpergeruch.

Bettina Pause: Den jeder von uns in charakteristischer Weise besitzt. Wir müssen uns dies wie einen Fingerabdruck vorstellen. Ca. 1.000 verschiedene Komponenten bilden einen individuellen Molekülcocktail. Dieser, freigesetzt durch Drüsen auf der Haut und mittels Bakterien zum Duften gebracht, informiert uns über das Geschlecht, das Alter, den Gesundheitszustand und noch einiges mehr. Anzufügen ist, dass diese reichhaltigen olfaktorischen Signale, eigentlich Abbauprodukte körperlicher Zustände, von uns unbewusst aufgenommen werden, auch wenn wir gelegentlich einen bestimmten Geruch beim Anderen bewusst wahrnehmen können.

Leadership Insiders: Ich frage mich dabei, wie individuell das Geruchsempfinden eigentlich ist. Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung müssten aber doch bestehen, sonst könnten wir über Gerüche nicht kommunizieren?

Bettina Pause: Sicher, ohne ein gemeinsames Verständnis keine Kommunikation. Als Faustregel gilt, dass 70% der geruchlichen Wahrnehmung zwischen den Menschen geteilt wird und 30% eine individuelle Note besitzt. Die Individualität entsteht durch einzigartige Geruchsrezeptoren in jedem von uns. Das sind dann die Feinheiten, die allerdings die Gesamtbewertung bestimmen. Diese 30% sind in der Regel von Bedeutung, wenn eine spezifische Reaktion abverlangt wird, beispielsweise angstinduzierende Moleküle mehr oder weniger stark wahrzunehmen.

Leadership Insiders: In welchem Verhältnis steht das Geruchssignal zu Botschaften, die uns andere Sinne wie Gestik und Mimik, aber auch die Stimme und die Körperspannung, vermitteln?

Bettina Pause: Meiner Meinung ist ihm eine Leadfunktion zuzuweisen. Der Geruch ist ein unverfälschbares Ehrlichkeitssignal. Sie müssen sich den Prozess folgendermaßen vorstellen. Chemische Botenstoffe werden in Abhängigkeit eines Zustandes der Person gebildet und diffundieren über Hautdrüsen in die Umgebung. Der Empfänger wird so über einen beachtenswerten Zustand unbewusst informiert, den er nun mittels seiner anderen Sinne versucht, verschärft zu erfassen und zu konkretisieren. Ein chemisches Stresssignal führt also nicht direkt zur Assoziation Stress, sondern lenkt uns unbewusst darauf, nach etwas zu suchen, was wir evolutionär mit Stress verbinden. Dies mag im Fall der Übereinstimmung der Sinne problemlos laufen. Werden aber Inkonsistenzen im Auftreten oder objektivem Verhalten des Anderen wahrgenommen, läuten die Alarmglocken. Die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit für das geruchlich vermittelte Gefühl, zum Beispiel Stress, wird geschärft und parallel wird die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit für konträre Gefühle, beispielsweise Freude, herabgesetzt. Kurzum: Das Geruchssignal erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir das mitbekommen, was wir sollten. Weiterhin führen inkompatible soziale Signale, nehmen wir ein Lächeln, bei gleichzeitiger chemischer Stress-Übertragung beim Wahrnehmenden zu einer Aktivierung des Verhaltens-Rückzugssystems, welches als unangenehmes „Bauchgefühl“ wahrgenommen werden könnte. Und generell gilt: Vertrauen Sie ihrem Bauchgefühl. Nehmen Sie es zum Anlass, andersartige Informationen dazu einzuholen, um es besser zu verstehen, sofern dies überhaupt möglich ist.

Leadership Insiders: Genau, In Ihrem neuen Buch sprechen Sie davon, dass der Geruch so etwas sei wie ein soziales Bauchgefühl. Dies erleben wir oft in einem Einstellungsgespräch oder auch in einem Feedbackgespräch. Man weiß nicht so recht warum, aber es scheint zu passen oder auch nicht. Was genau wird hier über die Nase vermittelt?

Bettina Pause: Unter anderem Angst. Da ist die Forschung sehr klar. Angst wird wesentlich sensitiver wahrgenommen als beispielsweise Freude. Frauen habe hier im Übrigen eine ausgeprägtere Sensitivität als Männer. Wir denken, dass durch die Angstwahrnehmung das weibliche Hilfeverhalten stärker getriggert wird. Wir denken, dass dieses Hilfeverhalten im Alltag häufiger gebraucht wird, denn die männliche Reaktion ist eher auf lebensbedrohliche Situationen programmiert, in denen stärkere Angstsignale gesendet werden. Parallel werden natürlich weiterhin Signale über das Alter, das Geschlecht, die Nahrungsaufnahme oder Verfassung des Immunsystems gesendet. Damit die geruchlichen Signale wirksam werden, müssen wir dem Anderen körperlich nicht sehr nahe kommen. Wir gehen davon aus, dass beispielsweise Angst oder Stress durch leicht flüchtige Substanzen vermittelt werden, die eher eine große Reichweite haben.

Leadership Insiders: Die Angstwahrnehmung würde ich gerne noch vertiefen. Wie dürfen wir uns die Folgen von Angst in einer Führungsbeziehung vorstellen?

Bettina Pause: Sehen Sie, eine Vorgesetzte, die beim Mitarbeiter Angst erzeugt, wird dies auch geruchlich über den Körpergeruch zurückgespielt bekommen. Unter anderem kann so kaum Zutrauen in die Fähigkeiten des Mitarbeiters entstehen, denn nach neuesten Studien schenken wir Menschen die chemisch Angst vermitteln wenig Vertrauen. Umgekehrt wird ein Mitarbeiter, der einen ängstlichen Vorgesetzten olfaktorisch ausmacht, weniger risikobehaftet agieren, da er fürchten muss, dass das dafür notwendige Vertrauen nicht trägt. Die beim Vertrauen immer mitschwingende Komponente, dass es auch enttäuscht werden könnte, wird auf einmal recht dominant.

Leadership Insiders: Bleiben wir bei der Führungsbeziehung. Oft hören wir von Aggressionen, die eine solche Beziehung prägen. Bad Leadership ist hier das Stichwort. Wird Aggression auch mittels chemischer Moleküle transportiert und dadurch geruchlich wahrnehmbar?

Bettina Pause: Ja, ebenso wie die besagte Angst, aber auch Stress, Ekel oder Freude. Für beide Geschlechter ist Aggression ein wichtiges Signal, da es für beide bedrohlich ist. Das Gehirn von Frauen reagiert evolutionär bedingt vergleichsweise stärker darauf, da die körperlichen Abwehrmöglichkeiten geringer sind. Damit dürften Frauen ein aggressives Führungsverhalten noch stärker negativ goutieren.

Leadership Insiders: Beschäftigen wir uns mit Erfreulicherem. In der Führungsforschung hat traditionell die charismatische Führung eine große Rolle gespielt. Könnten hier auch Geruchsbotschaften mit ihm Spiel sein?

Bettina Pause: Vermutlich, aber die Befundlage ist noch sehr dünn. Was wir einer Studie entnehmen können, ist, dass ein submissives, also unterwürfiges Verhalten eine negative Geruchswahrnehmung triggert, eine dominante Erscheinung, die ich selbst positiv wahrnehme, mit angenehmen Gerüchen verbunden wird. Danach würde die charismatische Wahrnehmung einer Person geruchlich hinterlegt sein. Aber ich selbst spreche nicht von Charisma, sondern stelle lieber die Authentizität heraus. Warum schätzen wir das? Authentische Menschen senden eindeutige, klare Signale. Akustische, visuelle und chemische Signale stimmen dann in meiner Wahrnehmung überein. Das schätzen wir. Das trägt maßgeblich dazu bei, vertrauensvoll miteinander umzugehen und zu kooperieren. Deshalb haben neue Führungskräfte eher Schwierigkeiten. Sie versuchen aufgrund mangelnder Erfahrung viel, mal links herum, mal rechts herum, und irritieren so die anderen.

Leadership Insiders: Heute wird viel in Teams gearbeitet. Unterstellen wir ein Team, dessen Mitglieder stabil und recht lange zusammenarbeiten. Könnte sich hier durch gegenseitige Anpassung oder Ausrichtung auf eine dominante Person unbewusst eine teamspezifische Duftnote entwickeln, ähnlich dem, wie wir es im Verwandtschaftsbereich genetisch bedingt nachweisen können?

Bettina Pause: Eine interessante Überlegung, aber ich denke nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Freundschaftsbeziehungen eine überzufällige Ähnlichkeit bei den eingangs erwähnten individualisierten Geruchsrezeptoren besitzen. Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern ist dies mit Blick auf Reproduktionsabsichten übrigens etwas komplizierter, aber das habe ich in meinem Buch näher ausgeführt. Freundschaftliche Beziehungen machen sich an Gleichartigkeiten im Genom fest. Die geruchliche Welt beeinflusst damit die soziale und damit auch die Wahrnehmung der sozialen Welt. Nicht umsonst heißt es „die Chemie zwischen den beiden stimmt“. Eine starke Hypothese wäre hieraus, dass für tiefe Freundschaften genetische Parallelen in der Ausformung der Geruchsrezeptoren eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Voraussetzung ist. Hinreichend wird es dann, wenn andere Vorlieben auch mitspielen. Wer also ein Team mit hoher Kohärenz formen möchte, hätte hier einen wichtigen Ansatzpunkt, theoretisch zumindest.

Leadership Insiders: Sie zitierten mit der stimmigen Chemie gerade eine beliebte Aussage. „Den kann ich riechen“, mag man sofort ergänzen. Oder eben nicht. Und deshalb könnte ich ja nun auf die Idee kommen, durch die Einnahme von chemischen Substanzen eine spezifische Geruchswahrnehmung, beispielsweise die Angst, beim Gegenüber auszuhebeln. Die Einnahme von Drogen ist eh ein verdrängtes Thema im Management. Denken wir einmal an ein Bewerbungsgespräch, das für mich angstbeladen ist, mich stresst, und von dem sehr viel abhängen kann? Funktionierte das?

Bettina Pause: Durch die Einnahme von Substanzen, die die Psyche beruhigen und den Körper entspannen, wird die Geruchswahrnehmung des Gegenübers beeinflusst. Der Grund ist einfach: sie wirken biochemisch auf meinen Körper ein, der sich danach in einem anderen Zustand befindet, was dann aber auch chemisch nach außen signalisiert wird. Das Gegenüber nimmt beispielsweise keine Stresssignale wahr und schenkt dem Phänomen im weiteren Verlauf keine besondere Aufmerksamkeit. Dass diese Substanzen andere negative Wirkungen entfalten, steht auf einem anderen Blatt. Und dass dies im Beruf nicht durchzuhalten ist, damit inauthentisch wird, ist auch klar.

Leadership Insiders: Bleiben wir weicher. Welche Rolle würden Sie einem Parfüm zur Überspielung eines psychischen Zustandes, bleiben wir bei der Angst, im beruflichen Kontext beimessen? Damit wird ja nun täglich gearbeitet, wenn auch selten aus diesem Grund.

Bettina Pause: Ein Parfüm überspielt solche gesendeten chemischen Signale nicht, sondern fügt der Geruchswahrnehmung eine weitere Duftnote hinzu. Sie sendet dem Anderen einfach nur die Information „Ich bin ein Rosenbusch“ oder „Ich bin eine Vanillestange“ oder wegen mir „Ich bin Tigergras“. Diese Information wird aussortiert, da sie in dem Moment nicht relevant ist. Wenn es also darum geht, ob ich jemanden einen Vertrauensvorschuss geben oder eher vorsichtig bleiben sollte, ist die zusätzlich durch das Parfum vermittelte Information eher irrelevant und bedingt keine Effekte auf Wahrnehmung und Verhalten.

Leadership Insiders: Wir danken für das Gespräch.