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Wie Führungskräfte Abwehrverhalten durchbrechen und echte Lernkultur schaffen

Wenn in Führungsetagen über Innovationsstau, mangelnde Agilität oder das Scheitern von Veränderungsprozessen geklagt wird, bleibt der Blick oft an der Oberfläche haften. Führungskräfte deuten ein Abwehrverhalten wie das Schweigen in Meetings, das subtile Abwiegeln von Verantwortung oder die reflexartige Rechtfertigung bei Fehlern fälschlicherweise als persönliche Charakterschwäche, Trägheit oder mangelnden Leistungswillen der Belegschaft. Diese Sichtweise greift jedoch gesamthaft betrachtet zu kurz, auch wenn sie natürlich in einem konkreten Fall zutreffend sein kann.  Unreflektiert angewandt führt sie hingegen zu wirkungslosen, oft sogar kontraproduktiven Disziplinierungsmaßnahmen.

Das beschriebene Phänomen ist in Wahrheit oftmals der sichtbare Ausdruck tief verankerter, kollektiver Schutzmechanismen. Wenn Angst das Handeln dominiert, schalten menschliche Systeme auf Selbsterhalt. Wer eine Organisation nachhaltig zukunftsfähig aufstellen will, darf diese Blockaden nicht mit Druck bekämpfen, sondern muss die dahinterliegenden emotionalen und strukturellen Dynamiken entschlüsseln. Wahre Transformation gelingt erst dann, wenn Führungskräfte lernen, die subtilen Codes der organisationalen Abwehr zu lesen – die eigenen individuellen inklusive – und dem Reflex der Selbstverteidigung mit einer Kultur der unbedingten psychologischen Sicherheit zu begegnen. Leadership Insiders erläutert hierzu aktuelle Forschungsbefunde von Jeffrey Yip und Dayna Walker (2026), beide an nordamerikanischen Universitäten tätig.

Das psychologische Fundament: Warum wir auf Abwehr schalten

Die tieferen Ursachen von Blockadehaltungen im Team liegen in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Bewusstseins. Dort ist ein Abwehrverhalten (Defensivität) eine grundlegende psychologische Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen oder gefühlte Unsicherheit. Früher ging es um das Überleben des Individuums bei physischen Gefahren, später und wie heute am Arbeitsplatz um den Schutz der eigenen Identität. Sigmund Freud beschrieb als einer der Ersten bereits am Ende des 19. Jahrhunderts, wie das menschliche Ich unbewusste Barrieren errichtet, um das eigene Selbstbild vor schmerzhaften Einsichten und inneren Konflikten zu schützen. Die Vielfalt der Schutzschilde legte dann seine Tochter Anna weiter offen.

Interessanterweise zeigen Neurowissenschaften heute, dass das Nervensystem bei sozialer Bedrohung, wie etwa öffentlicher Kritik oder dem drohenden Verlust von Status, exakt dieselben biologischen Alarmketten aktiviert wie bei einer körperlichen Attacke. Im Büro manifestiert sich dieser Zustand seltener in Flucht (z. B. Kündigung) oder physischem Kampf, sondern in kognitiver Verengung, dem Ignorieren unliebsamer Daten oder der Projektion von Fehlern auf andere Abteilungen.

Diese Abwehrmechanismen dienen primär der internen Emotionsregulation und dem Erhalt der psychischen Integrität. Ein Mitarbeiter, der sich hinter Ausflüchten verschanzt, handelt in diesem Moment in der Regel nicht bösartig gegen das Unternehmen, sondern versucht im Zustand der Bedrohung verzweifelt, seine berufliche Existenzberechtigung und seinen Selbstwert zu verteidigen.

Von der individuellen Angst zur kollektiven Routine beim Abwehrverhalten

Das eigentliche Risiko für Unternehmen beginnt in dem Moment, in dem diese individuellen Schutzreflexe miteinander verschmelzen und das organisationale Klima vergiften. Ein isolierter Angstreflex ist kontrollierbar, doch Defensivität breitet sich schnell aus. Sie entfaltet sich in den alltäglichen Interaktionen, prägt die Feedbackkultur und verfestigt sich schließlich in den tieferen Systemen einer Organisation. Reagiert eine Führungskraft auf die defensive Haltung eines Mitarbeiters mit Härte oder herablassender Belehrung, wird das empfundene Bedrohungsszenario für das gesamte Team objektiv gestärkt.

Über einen längeren Zeitraum hinweg verfestigen sich diese Interaktionsmuster zu dem, was der Organisationswissenschaftler Chris Argyris als „defensive Routinen“ beschrieben hat. Gemeint sind informelle, ungeschriebene Verhaltensmuster, die darauf abzielen, potenziell bedrohliche Themen oder Wahrheiten aus dem organisationalen Diskurs herauszuhalten. Kurzfristig reduzieren sie Unsicherheit und schützen die Beteiligten vor Gesichtsverlust. Langfristig verhindern sie jedoch Lernen, Innovation und die notwendige Auseinandersetzung mit der Realität. Es entsteht eine Kultur des kollektiven Wegsehens: Probleme werden so formuliert, dass niemand persönlich betroffen scheint, kritische Informationen versanden und erhebliche Energie fließt in die Aufrechterhaltung einer Fassade von Harmonie und Kompetenz. Solche sozialen Abwehrstrukturen isolieren Entscheidungsträger zunehmend von der Wirklichkeit. Teams verlieren den offenen Austausch untereinander, und in letzter Konsequenz verliert die Organisation den Kontakt zu den Entwicklungen ihres Marktes, weil der interne Informationsfluss systematisch eingeschränkt wird.

Das Dilemma der Führung zwischen Psychologie und Struktur beim Abwehrverhalten

Was tun? Es muss ein Mindset erzeugt werden, das die strikte Trennung von psychologischem Verständnis und struktureller Gestaltung nicht kennt, sondern integrativ denkt. Ich habe eine Variante des integralen Denkens an anderer Stelle einmal näher beschrieben (2023). Während psychologische Ansätze die inneren Zustände und die individuelle Angstbewältigung fokussieren, beschränken sich betriebswirtschaftliche Analysen oft auf die Dokumentation von Prozessfehlern, lassen jedoch die emotionalen Treiber der Beteiligten völlig außer Acht. Diese Fragmentierung führt in der Praxis zu Interventionen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.

Viele Führungskräfte greifen, betriebswirtschaftlich geschult, bei Problemen natürlich sofort zu rein strukturellen Werkzeugen. Sie verändern Organigramme, führen neue Kennzahlensysteme (KPIs) ein oder verordnen agile Arbeitsmethoden. Wenn diese Maßnahmen jedoch ein wackliges Fundament, gemischt aus tiefsitzender Unsicherheit und sich selbst verstärkendem Misstrauen, ankratzen, bewirken sie das exakte Gegenteil des Intendierten. Mitarbeitende empfinden die permanente Restrukturierung als zusätzliche Bedrohung und perfektionieren lediglich ihre Abwehrtechniken.

Wie Führungskräfte auf Abwehrverhalten positiv reagieren können

Um dieses Dilemma aufzulösen, sollten Führungskräfte das Konzept der Ambiguitätstoleranz  etablieren – also die Fähigkeit der Organisation, Unsicherheiten und Widersprüche auszuhalten, ohne sofort in den Verteidigungsmodus zu verfallen. Es nützt nichts, auf psychologischer Ebene an die Offenheit der Mitarbeiter zu appellieren, wenn das organisationale Belohnungssystem im Hintergrund Fehler gnadenlos sanktioniert oder einen internen Konkurrenzkampf befeuert. Struktur und Psyche müssen als untrennbare Einheit begriffen werden: Strukturen müssen so gestaltet sein, dass sie psychologische Sicherheit emotional erlebbar machen.

Das Aufbrechen verkrusteter Abwehrhaltungen verlangt von Führungskräften eine grundlegende Transformation ihrer eigenen Rolle. Sie müssen sich von der Illusion des allwissenden, unfehlbaren Anführers verabschieden und stattdessen als Architekten eines angstfreien Raumes agieren. Der konstruktive Umgang mit Defensivität beginnt immer, wie Yip und Walker treffend hervorheben, mit der sorgfältigen Beobachtung der eigenen Empfindungen und der Suche nach Triggerpunkten, die defensives Verhalten auslösen (beispielsweise das Ignorieren oder Abwehr von emotionalen Einlassungen von Teammitgliedern auf von der Führungskraft bekundete Verhaltenserwartungen z.B. gegenüber Kunden).

Wie sie es näher ausführen, verlangt wirksame Führung in diesem Kontext eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen verdeckten Ängsten und Mustern der Selbstwertverteidigung. Wenn eine Führungskraft auf kritische Rückfragen oder Fehlerberichte gereizt, distanziert oder mit Gegenangriffen reagiert, setzt sie eine Kettenreaktion der Angst in Gang. Positives Agieren bedeutet hier, die eigene Verwundbarkeit proaktiv als Führungsinstrument zu nutzen. Wenn der Chef im Meeting offenlegt: „In dieser strategischen Einschätzung habe ich mich geirrt und benötige Ihre Expertise, um den Kurs zu korrigieren“, entmachtet er schlagartig das Tabu des Fehlermachens.

Darüber hinaus muss die sprachliche und methodische Interaktion im Alltag neu ausgerichtet werden. An die Stelle von defensiven Schuldzuweisungen muss eine von echter Neugier getragene Erkundung treten. Statt der rückwärtsgewandten Frage nach dem Schuldigen, die unweigerlich Abwehr erzeugt, muss die zukunftsorientierte Frage nach den systemischen Ursachen gestellt werden. Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Kritik am Vorgesetzten keine negativen Konsequenzen hat, sie gar dazu ermutigt werden, und zu realen Veränderungen führt, kollabieren die alten Schutzwälle. Die Investition in diese Form der Führung zahlt sich unmittelbar in einer gesteigerten Innovationskraft aus.

Die klare Botschaft an die Führung

Defensives Verhalten in einer Organisation ist niemals ein isoliertes Problem einzelner Mitarbeiter, sondern das unbestechliche Barometer für die psychologische Qualität des gesamten Systems. Es ist das logische Symptom einer Unternehmenskultur, die Perfektion vortäuscht, Abweichungen bestraft und sich in (phantasievollen) Narrativen verstrickt. Die unmissverständliche Botschaft an jede Führungskraft lautet daher: Betrachten Sie die Abwehrhaltung der Mitarbeitenden erst einmal nicht als persönlichen Affront oder böswilligen Widerstand, sondern als ein wertvolles, systemisches Warnsignal dafür, dass Ihrem Team in diesem Moment die Sicherheit fehlt, die Wahrheit auszusprechen.

Sie können Defensivität nicht durch Dekrete verbieten, nicht durch Zielvereinbarungen wegregeln und nicht durch Druck brechen. Ihre Haltung ist entscheidend. Erst wenn Sie als Führungskraft den Mut aufbringen, durch eigene Verletzlichkeit voranzugehen, und eine Umgebung schaffen, in der das Aufdecken von Fehlern wertvoller ist als das fehlerfreie Verharren im Stillstand, wird möglicherweise aus kollektiver Erstarrung nachhaltige Innovationskraft. Modelle zur psychologischen Sicherheit, die wir bereits an anderer Stelle besprochen haben, zeigen die „Angriffspunkte“ eines solch konstruktiven Führungsverhaltens auf.

Weibler, J. (2023) Personalführung, 4. Auflage, München

Yip, J. / Walker, D. H. (2016) Behind the wall: an integrative review of defensiveness at work. In: Academy of Management Annals, 1-41 (in-press)