Es ist sicherlich keine neue Erkenntnis, dass jüngere Generationen andere Wertmustern haben als ihre Vorgänger. Dies scheint ein beständiger Lauf in der Geschichte der Generationen zu sein. Spannend wird es immer dann, wenn es nicht nur um Nuancen, sondern um fundamentale Unterschiede geht. Was aber fundamental ist, lässt sich oft erst im Rückblick bewerten. Nicht nur, weil Werte zwar das Handeln mit veranlassen, aber nicht seine einzigen Einflussfaktoren sind.

cosma / Shutterstock.com

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Wir lassen zur Inspiration im folgenden zwei bekannte Dichter einer älteren Generation zu Wort kommen, die jeweils aus ihrer Sicht die Interessen der älteren oder jüngeren Generation in den Vordergrund rücken.

Diese Auswahl weist beiläufig darauf hin, dass die Literatur ein interessanter, manchmal zeitgebundener, manchmal die Zeiten übergreifender Fundus für Führungsbilder und Führungserwartungen sein kann.

Dies ist hinsichtlich der Wirkung bei Gesellschaften prägender, die in ihrer Bildungslandschaft einen einheitlichen Kanon an Literatur vermitteln. Allerdings haben heute in verstärktem Maße Filme und Fernsehserien die Rolle der Literatur übernommen und vermitteln bestimmte Führungsklischees an breitere Massen. Ihre Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Mehrheitlich propagieren sie allerdings immer noch das heroische Führungsbild. Positiv fällt jedoch auf, dass im letzten Jahrzehnt Frauen als Führungspersonen eindrücklicher in Szene gesetzt werden. Frauen sind heute in populären Fernsehserien mehr als nur nett, sanft, schön und manchmal neurotisch. In den heutigen Serien werden Frauenrollen den Vorstellungen der vor allem jüngeren Generation entsprechend facettenreich konzipiert. Sie sind willensstark, selbstbestimmt, unabhängig, erfolgreich, ehrgeizig, skrupellos, böse, smart, charmant und gemein. Starke und vielschichtige Frauenfiguren stehen im Zentrum des Geschehens – von Anwaltsserien wie The Good Wife oder Scandal bis hin zu spannungsgeladenen Agentenserien wie Homeland.

Die Alten und die Jungen

„Unverständlich sind uns die Jungen“,
wird von den Alten beständig gesungen;
meinerseits möchte‘ ich’s damit halten:
„Unverständlich sind mir die Alten.“
Dieses Am-Ruder-bleiben-Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
dieses Sich-unentbehrlich-Vermeinen
samt ihrer „Augen stillem Weinen“,
als wäre der Welt ein Weh getan –
ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsere Jungen, in ihrem Erdreisten,
wirklich was Besseres schaffen und leisten,
ob dem Parnasse sie näher gekommen
oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
ob sie mit anderen Neusittenverfechtern,
die Menschheit bessern oder verschlechtern,
ob sie Frieden sä’n oder Sturm entfachen,
ob sie Himmel oder Hölle machen –
eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
der Mohr kann gehen, neu Spiel hebt an,
sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

Theodor Fontane (1819-1898)
Die Alten

Wenn man jung ist und modern,
möchte man natürlich gern
alles neu und umgestalten,
doch, wer meckert dann? Die Alten!

Will dynamische Ideen
endlich man verwirklicht sehen,
zieh’n sich sorgenvolle Falten;
ja, so sind sie, unsere Alten!

Krieg und Elend, Hungersnot;
manchen Freundes frühen Tod;
doch sie haben durchgehalten,
ja, das haben sie, die Alten!

Was sie unter Müh‘ und Plagen
neu erbaut in ihren Tagen,
wollen sie jetzt gern erhalten:
Habt Verständnis für die Alten!

Bändigt Eure jungen Triebe,
zeigt den Alten Eure Liebe,
laßt Euch Zeit mit dem Entfalten,
kümmert Euch um Eure Alten!

Wozu jagen, warum hetzen?
Nach den ewigen Gesetzen
ist die Zeit nicht aufzuhalten.
Plötzlich seid Ihr dann die Alten!

Und in Euren alten Tagen
hört Ihr Eure Kinder klagen;
ach, es ist nicht auszuhalten,
immer meckern diese Alten!

Ja, des Lebens Karussell
dreht sich leider viel zu schnell;
drum sollten sie zusammenhalten,
all die Jungen und die Alten
!

Theodor Storm (1817 – 1888)