Ohne Emotionen geht es in der herausragenden Führung  nicht. Aber was heißt das genau? Vieles, aber nicht zuletzt auch, eine Atmosphäre zu kreieren, die andere und einen selbst belebt. Am Ende machen „lebendige“ Teammitglieder den Unterschied zwischen Aufgabenerfüllung und Spitzenleistung aus. Wie soll man das erreichen? Leadership Insiders geht dafür in Musikclubs und auf Konzerte, um den Zusammenhang von Atmosphären und Führung besser zu verstehen. Dort steht eine Person im Mittelpunkt, der DJ, dessen Führungsleistung erhellt wird und als Inspiration für den Führungsalltag fungiert.

© Sonja Möller

Tausende von tanzenden Zuschauern, Jubel, laute Musik, gute Stimmung, tolles Wetter und einer im Zentrum des Geschehens: Der Disc Jockey, kurz: der DJ, Experte für tanzbare oder Chill-out Musik – mithin also für Bewegung und Entspannung. Letztes Jahr kamen zu einem der populärsten und weltweit größten Festivals elektronischer Tanzmusik, dem Tomorrowland in Belgien, ca. 400 000 Menschen. Nicht selten muss ein DJ auf solchen Festivals vor 8000 Menschen spielen, die DJ-Elite vor noch weit größeren Mengen. Schön, aber was hat das mit Führung zu tun? Beispielsweise, dass manche DJs scheitern und andere gefeiert werden. Leadership Insiders hat mehr dazu und betritt aus Führungssicht erst einmal ungewohntes Terrain: dunkle Musikclubs und in buntes Licht gehüllte Konzertbühnen.

Führung und Musik – am Ende stehen die Musikclubs und Konzertbühnen

Musik wird in ihren verschiedenen Ausprägungen immer wieder mit Führung in Verbindung gebracht, wie beispielsweise bei einer Studie von Donna Ladkin (2008), die die Wirkung des Sängers Bobby McFerrin auf sein Publikum untersuchte. Dabei fiel ihr auf, dass sie als Besucherin des Konzerts, ebenso wie andere, Teil einer Performance wurden, ohne in dem Moment zu wissen, wie das überhaupt geschah (S. 32):

“Before I’d realised how it had happened, I found myself—along with the vast majority of the Hall’s occupants, echoing back his vocalisations, stomping my feet and clicking my fingers in response to his gestures. How was he able to lead us in such an unobtrusive way?”

Wenn die Frage nach dem optimalen Führungsstil auftaucht, ziehen manche den Dirigenten eines Orchesters als erkennbare Führungsfigur heran, wohingegen andere eher an eine improvisierende Jazzcombo denken, die gleichsam für eine verteilte, gar gemeinschaftliche Führung steht. Insider sehen natürlich sofort Fragen der hierarchisch-routinehaften und spontan-intuitiven Koordination berührt.

Beim Vergleich von Musik und Führung nimmt das so genannte Präsenzerlebnis eine entscheidende Position ein. Darunter wird ein ganz spezielles Gefühl von Gegenwärtigkeit verstanden, bei dem man sich selbst als nicht getrennt von der Außenwelt erlebt. Dieses Präsenzerlebnis ist ein an sich anstrebenswerter Zustand, der alle Sinne auf Empfang schaltet und tiefste Empfindungen verspüren lässt. Wird dieses Präsenzerlebnis von vielen neben mir ebenso empfunden, entsteht die Atmosphäre einer sich verbunden fühlenden Gemeinschaft, die kollektive Emotionen während des Geschehens teilt und dadurch auch nachher ein Stück weit miteinander verbunden bleibt. Musik ist das Medium, welches im Alltag am leichtesten ein solches Präsenzerlebnis erzeugen kann. Und der Musiker, der solches Erleben erzeugen kann, besitzt eine machtvolle Position.

Solche Begebenheiten werden von einer neuen Richtung der Führungsforschung, der so genannten ästhetischen Führungstheorie, genauer untersucht. Allgemein geht es dort um die sinnliche Erkenntnis im sozialen Raum, um ein sinnliches Miterleben von Begebenheiten, beispielsweise darum, ob und wie sich die im wahrsten Sinne des Wortes „gefühlte“ Wirkung einer Person bei einer anderen ausnimmt und was das bedeutet. „Sinnlich“ ist als Gegenentwurf zu einer rein rationalen Beschreibung wortwörtlich zu nehmen, also alle Sinne betreffend (z.B. „Wie schmeckt mir die Führung?“, „Kann ich die Führungskraft riechen?“, „Wie fühlt sich diese Führungsperson für mich an?“).

Inhaltlich geht es sehr stark um die Kraft der Anmutung von Personen, Räumen und Gegenständen und deren Bedeutung für die Entstehung und Festigung von Führung. Und natürlich speziell um das Präsenzerleben.

Und damit wären wir wieder bei unseren dunklen Clubs und in den bunten Farben gehüllten Konzertbühnen, die einen Rahmen dafür bilden, dass ein solches Präsenzerlebnis entstehen kann. Hieraus lernt man sehr viel über das Zusammenspiel von Personen und Kontext bzw. das Wirken von Personen in einem bestimmten Kontext. Schauen wir also hinein und fokussieren die Person, auf die sich alle Blicke richten, den DJ. Wir sehen ihn als eine Führungsfigur, die in einer sehr spezifischen Führungssituation agiert.

Musikclubs und Konzerte als Inspirationsquellen der Führung

(1) Die Akteure

Um eine Aussage über das Führungsverhalten eines DJs treffen zu können, ist es sinnvoll sich mit den verschiedenen Akteuren zu beschäftigen, die in so einer Führungssituation zusammentreffen.

Der DJ – Der Führende und doch auch Geführte

Vorweg: Was muss ein DJ eigentlich können? Ein DJ muss seine Technik beherrschen, sprich: Er muss Platten, bzw. CDs, bzw. andere elektronische Datenträger wie USB-Sticks sicher verwenden und mit Hilfe von Technik (Plattenspieler, CDJs, Controllern, usw.) damit auflegen können. Des Weiteren muss er für das Publikum und das Event die genau passende Musik auswählen. Hierzu muss er im Voraus sein Publikum, die Location, die Uhrzeit und die sich aus alledem ergebende Atmosphäre miteinbeziehen können, um so die treffendsten Tracks auszusuchen.

Der DJ ist das Zentrum der Aufmerksamkeit, was meist auch durch seine räumliche Position deutlich wird: Als Einzelner auf einer großen Bühne, über den Köpfen seines Publikums. Er bestimmt die Auswahl der Tracks und hat damit wesentlichen Einfluss auf das Publikum und auf die Stimmung, die im Raum entsteht. Der DJ ist damit offensichtlich Führender und das Publikum, so sie ihm folgen, sind die Geführten.

Aber Vorsicht: „So sie ihm folgen“, deutet auf die Wahlfreiheit hin, ggf. auch gehen zu können – erst einmal nur von der Tanzfläche, im schlimmeren Fall gleich nach Hause. Aufgrund dessen steht der DJ in ständiger Wechselwirkung mit dem Publikum, das damit auch ihn beeinflusst, möglicherweise sogar führt. Hier wechseln quasi spontan die Rollen. Spielt er die falschen Tracks, wird er es durch die Reaktionen seines Publikums spüren. Dies lässt erfolgreich führende DJs ihre Musikauswahl überdenken und verändern. Die Atmosphäre, die er initiativ, eingerahmt von der Bühne, mehr oder weniger prägnant im Raum erzeugt, wird durch das, wie andere sie aufnehmen, weitergetragen, durch deren Bewegungen, Gesten, Mimiken und Laute verdichtet oder verschoben, und sodann wieder an ihn zurückgekoppelt. Es ist ein merkwürdiges Wechselspiel von Geben und Nehmen.

Das Publikum – Die Geführten und doch auch Führenden

Das Publikum hat, wie gesehen, entscheidenden Einfluss auf die Atmosphäre und auf den DJ. Immerhin ist die Veranstaltung und der DJ dazu da, das Publikum zu bewegen und bestenfalls ein für alle unvergessliches Erlebnis zu kreieren. Dieses Erlebnis entsteht durch eine sogenannte kollektive Realität, durch kollektiv geteilte Emotionen, ein Rauschgefühl, das alle spüren und teilen. Das Ideal ist dann das alles einnehmende Präsenzgefühl, das zunächst individuell empfunden wird, aber emotional ansteckend wirkt, bis das Maximum des Möglichen erreicht ist: das gemeinschaftliche Präsenzgefühl im Publikum. Erzeugt der DJ diese Atmosphäre, ist er der Held und das Publikum lässt sich tanzend treiben. Im Extrem geht selbst der DJ darin auf, d.h. die Trennung von DJ und Publikum verschwindet, wobei die Distanz besser nicht in Gänze verloren gehen sollte, denn die Performance verlangt eine immer wieder ordnende Hand.

(2) Die Situation/Atmosphäre

Die Situation/Atmosphäre ergibt sich aus den Protagonisten Publikum und DJ, dann der Zeit und der Ort der Veranstaltung sowie anderen äußeren Faktoren – wie zum Beispiel dem Wetter (Hitze oder Starkregen), der mitgebrachten (Ver-)Stimmung, der (un-)überschaubaren Teilnehmeranzahl, etc. Ist der Sound des DJs gut, entsteht ein tanzendes Kollektiv. Dies hat wiederum selbst wesentlichen Einfluss auf die Situation/Atmosphäre. Wenn alle tanzen und glücklich sind, wird die Atmosphäre der Veranstaltung unvergesslich. Es zeigt sich aber auch, dass dieser Zustand durch schlechte Rahmenbedingungen erschwert oder verhindert werden kann (ganz einfach, wenn der Sound nicht stimmt, der Club überbucht und die Tanzfläche völlig überfüllt ist, unpassendes Licht geworfen wird etc.).

Der DJ als Beispiel für eine Führung von Teams?

Das, was Profi-DJs leisten, kann nicht 1:1 zum Maßstab einer Teamführung im Alltag gemacht werden, zumal ein Kollektiverlebnis in Organisationen kein Dauerziel ist. Das Ausbleiben eines positiven Kollektiverlebnisses ist allerdings eine verschenkte Möglichkeit. Führungskräfte unterscheiden sich danach, ob sie die Entwicklung eines Präsenzerlebnisses anstoßen können. Die Ingredienzien, die solch ein kollektives Erlebnis entstehen lassen können, sind mit dem Ausflug in die Musikszene verdeutlicht worden. Dass es keinen Automatismus in der Umsetzung gibt, versteht sich von selbst.

Deutlich wird, dass es eine inspirierende Motivation ist, die der DJ durch passende Musik (und der Führende durch passende Tonalität) im günstigen Fall erzeugt. Flow ist im Übrigen die individualisierte Variante des beschriebenen Kollektiverlebnisses. Auf der Basis von musikalisch-führungsbezogener Expertise ruft er beim Individuum wie beim Team energetisierende Emotionen hervor. Die Erzeugung eines Präsenzerlebnisses ist der Schlüssel zum Erfolg. Präsenz heißt Gegenwärtigkeit, im außerordentlichen Fall eine Beteiligung an einer Teamaufgabe, die für mehr als nur einen Augenblick keine andere Zeit kennt. Prosaisch von den „Toten Hosen“ im Song „Tage wie diese“ formuliert:

„Das hier ist ewig,
Ewig für heute.“

Eine Teamführung, die auch dies aufnehmen kann, verlangt eine eigene Körperwahrnehmung, die wiederum durch die Nutzung aller Sinne geprägt wird. Achtsamkeit ist dafür ein zentrales Stichwort. Dann besitzt die Person, die führen möchte, eine Chance, in einem besonderen Maße zu wirken, denn eine einnehmende Sprache kann dies alleine so umfassend nicht leisten. Was u.a. benötigt wird, ist das, was die skandinavischen Forscherinnen Koivunen und Wennis als eine kinästhetische Empathie bezeichnet haben: also wie beispielsweise der französische DJ David Guetta es vermag, auf Basis einer guten eigenen Körperwahrnehmung und über die geeignete Körperdynamik andere zu beeinflussen.

Von daher unsere Empfehlung: ab in den Club oder ins Konzert. Beobachten, trainieren, zu spüren und die ästhetische Urteilskraft schulen. Es gibt weit weniger erfreuliche Methoden, erfolgreiche Führung einzuüben!

Ladkin, D. (2008): Leading beautifully: How mastery, congruence and purpose create the aesthetic of embodied leadership practice. Leadership Quarterly, 19(1), 31-41

Koivun, N./Wennis, G. (2011):  Show us the sound! Aesthetic leadership of symphony orchestra conductors. Leadership, 7(1), S. 51-72