Der „Besitz“ einer digitalen Kompetenz entscheidet zunehmend über die zukünftige Teilhabe an beruflichen wie gesellschaftlichen Entwicklungen. Aber was ist eine digitale Kompetenz überhaupt? Und was sind dann digitale Fähigkeiten (Skills)? Der Beitrag liefert das digitale Meta-Wissen kompakt aus heutiger Sicht.

Production Perig

Was meinen Sie? Kann man heute Führungskraft ohne eine hohe digitale Kompetenz sein? Die Antwort ist ein klares ‚Ja‘, denn selbst bei DAX- und MDAX-Vorständen ist die digitale Kompetenz in Summe defizitär, folgte man einer Gemeinschaftsstudie (2017) des Autorengespanns Kawohl/Becker von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und dem Investment Lab Heilbronn. Falls Ihre Antwort ein ‚Nein‘ war, meinten Sie vermutlich, dass es bei Führungskräften nicht so sein sollte und schauten nicht so sehr auf die Empirie. Ein regelmäßiger Besucher dieser Seite hätte sich aber hoffentlich gefragt: Was ist denn mit „digital“ und was mit „Kompetenz“ gemeint? Ersatzweise hätte sie oder er für sich definiert, was darunter zu verstehen ist, dann Führungskräfte im eigenen Haus danach beurteilt und wäre so zu einer ersten begründeten Antwort gekommen. Bei genau dieser Schlüsselfrage hilft Leadership Insiders heute insoweit, als eine Hintergrundfolie ausgebreitet wird, mit der jeder sich gut aufgestellt in die Diskussion zur digitalen Kompetenz einschalten kann.

Die digitale Reise

Dieser Beitrag gehört zur Serie: Digitalisierung und Führung

Auswahl weiterer Beiträge aus der Serie:

  1. Virtuelle Teams und Digitale Führung
  2. Führung durch Roboter – Aufstieg eines artifiziellen Arbeiters
  3. Digitalisierungsfalle – Frauen verlieren gegen Algorithmen
  4. Digitale Kompetenz – Mehr als Skills für Führungskräfte
Das Radio benötigte 38 Jahre, um 50 Mio. Nutzer zu generieren, Pokémon Go 19 Tage.

Dieses Zahlenverhältnis, entnommen dem Vater-Sohn-Werk „Eins oder Null“ der Mefferts (2017), beinhaltet nicht nur eine kulturelle Aussage, sondern zeugt vor allem von der Radikalität der Beschleunigung unserer Gesellschaft, die die Digitalisierung als Voraussetzung und Treiber eben dieser Beschleunigung kennt. Die Wirtschaft ist der Nukleus dieser Beschleunigung.

In seinem Buch „Die digitale Treppe“ (2016) schildert Lothar Schröder, Mitglied des Bundesvorstandes von ver.di und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Telekom, die Entwicklung der digitalen Durchdringung der Arbeitswelt mit einer Treppenmetapher. Auf der untersten Stufe hielten Computer als Automaten Einzug, wurden dann zu einem Werkzeug und durch die Vernetzung (im Web) zu einem Medium. Heute liege ihre besondere Stärke in ihrem Zusammenspiel als Plattform, um im nächsten Schritt bei fast jedem täglich unentbehrlicher Begleiter, natürlich auch im Privaten, zu sein. Auf der höchsten Stufe ist der Computer schließlich ein Prophet, der auf der Basis von Big Data zukünftiges menschliches Verhalten voraussagt. Der „Computerbegriff“ steht hier für die beliebige Verbindung von Maschinen, anderen Hardware-Komponenten, Software, Netzen, fortschreitenden Algorithmen und Orten, die Lösungen wie Startpunkt weiterer Lösungen sind (z.B. Clouds).

Man darf diese zeitlich inspirierte Treppenmetapher so oder so nur als eine schematische Orientierung lesen, denn u.a. existieren Stufen weiterhin gleichzeitig. Der Fortgang auf der Treppe hat sich jedoch in immer kürzeren Abständen mit fortschreitendem Wirkungsgrad des Computers vollzogen. Mir fehlt hier allerdings noch die nächste Stufe, die zu einem Eingang mit weiteren Stufen führt, an deren Ende der Computer als Leviathan fungieren könnte. Erst auf dieser Linie fängt es an, wirklich spannend zu werden, denn es geht am Ende um die existenzielle Frage der Macht und der Stellung des Menschen in einer durchdeklinierten digitalisierten Welt.

Die digitale Landschaft in Deutschland

In 2017 soll nach einer von der Bundesregierung herausgegebenen Untersuchung der Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft 54 Indexpunkte von 100 möglichen ausgewiesen haben (u.a. gemessen am Einfluss der Digitalisierung auf den Geschäftserfolg). Als Digitalisierung wurde in der Studie die Veränderung von Geschäftsmodellen verstanden: Kernprozesse, Schnittstellen zum Kunden sowie Produkte/Services, jeweils durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT).

Die Studie gibt einen ersten Eindruck von der Bedeutung der Digitalisierung für die Praxis. Zur Wucht der schöpferischen Zerstörung, die durch neue digitale Lösungen entsteht, kann sie nicht herangezogen werden. Zudem ist die Durchdringung einzelner Branchen unterschiedlich stark. Momentan ist beispielsweise das Gesundheitswesen nur niedrig digitalisiert, der Maschinenbau liegt in der Mitte und, wenig überraschend, die IKT-Branche selbst vorne. Wichtiger wäre also, sich auf die Leistungsfähigkeit der F&E-Abteilungen der jeweiligen Branchen, Entwicklungen innerhalb der Technologie und Trends auf den Märkten zu konzentrieren.

Was sind Kompetenzen überhaupt?

Nun aber zu der digitalen Kompetenz. Der Mensch ist ein kompetentes Lebewesen. Davon muss ausgegangen werden. Beschrieben wird damit die Tatsache, dass der Mensch in der Lage ist, sich prinzipiell in unterschiedlichsten Lebenssituationen zurechtzufinden und aktiv darin mitzuwirken. Da die Lebenssituationen sich ändern, ist eine Kompetenz streng genommen kein Zustand und auch kein Besitz.

Vielmehr drückt sie einen beständigen Prozess der Aneignung von etwas aus, mittels dessen man sich in den eigenen Lebensumwelten zurechtfinden und hierin aktiv mitwirken kann. Und dieser Prozess erfolgt nicht linear. Der Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke sprach deshalb auch von einer höckerigen Aneignung von wiederholbaren, erfolgreichen Einwirkungsmöglichkeiten auf relevante Lebenssituationen. Kompetenzen können also entwertet werden. Da eine Kompetenz sich vollständig erst in der erfolgreichen Auseinandersetzung mit ihrem Anwendungsbereich manifestiert, beispielsweise als kommunikative Kompetenz, das eigene Anliegen im Mitarbeitergespräch (eines von vielen Anwendungsfeldern) vermitteln zu können, erschließt sich die Bestimmung erst in Kenntnis des Anwendungsergebnisses.

Die Aneignung von Kompetenzen findet keinen definierten Abschluss. Sie bildet sich durch ein stetiges Herantasten heraus, bis ein mindestens ausreichender, im günstigen Fall idealer Umgang mit einem Lebensweltproblem mit Blick auf die jeweilige Kompetenz erreicht ist. Dieser Aneignungsprozess kann wie gesagt auch scheitern. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sah die Kompetenz als ein Bildungskapital und damit als ein kulturelles Kapital an, das zwischen den Menschen ungleich verteilt ist, bei ihm abhängig von verschiedenen sozialen Milieus und Klassen. Die kommunikative Kompetenz wählte er dafür als Beispiel und Beleg, was jeder von uns leicht nachvollziehen kann. Der Umgang mit Sprache ist für jeden evident und lässt leicht eine Differenzierung erkennen.

Was ist eine digitale Kompetenz?

Eine digitale Kompetenz lässt sich wie alle Bereichskompetenzen nur auf Basis eines zuvor definierten Kompetenzverständnisses bestimmen. Das, was „digital“ meint, wird dabei an dieser Stelle lediglich mit einem Verweis auf den Umgang mit und auf diskreten Daten basierenden Technologien und Techniken (inkl. Gerätschaften) abgehandelt. D.h. nicht die Kompetenz ist beim Menschen digital, wie es sprachlich naheliegen würde, sondern es verlangt Kompetenz, mit digitalen Sachverhalten abstrakt, grundlegend und/oder in Anwendung umzugehen.

Interessanter hier ist die Frage nach der Kompetenz und ihren Bestandteilen. Unter nochmaligem Bezug auf das Kompetenzverständnis von Dieter Baacke definiere ich digitale Kompetenz für den Moment wie folgt:

Die digitale Kompetenz ist in umfassender Sicht das veränderbare Vermögen, mit grundlegenden wie angewandten digitalen Sachverhalten auf Basis von (1) Wissen, inkl. einer instrumentellen Gerätekunde (2) gestalterisch umgehen zu können, (3) entsprechende Produkte und Dienstleistungen sinnvoll, d.h. anwendend wie anbietend nutzen zu können und (4a) das Feld des Digitalen hinsichtlich (problematischer) Auswirkungen analytisch-kritisch erfassen und seine Handlungen unter Beachtung der Bedeutung für sich und andere ausrichten sowie (4b) den Prozess der Digitalisierung ethisch (sozial-verantwortlich) reflektieren zu können und zu wollen.

Ist kompliziert, zugegeben, aber so ist es nun einmal. Kompetenzen sind etwas Elementares, grundlegend Eigenständiges und eben nicht nur eine dieser Fähigkeiten, die dann oftmals in schier endlosen Listen beliebig und ermüdend aneinandergereiht werden.

Zu sehen ist, dass diese Definition vier zentrale Dimensionen besitzt, von denen die vierte, so meine Vermutung, die in der Praxis noch am wenigsten entwickelte ist. Erst die Verbindung von Wissen, kreativem Tun, Nutzung und Kritik ist für eine Kompetenz konstitutiv, im Gegensatz zu einer Fähigkeit, die beispielsweise alleine auf ein Wissenselement abheben kann (wie ein Whiteboard bedienen). Einzelne Fähigkeiten oder Skills sind allerdings notwendige Bestandteile einer Kompetenz, indem sie aussagen, worauf diese Kompetenz abzielt. Auch sehen Sie sofort, dass eine Person eine Kompetenz in einem unterschiedlichen Reifegrad erarbeiten kann.

Digitale Future Skills?

Die Beratung McKinsey hat in Zusammenarbeit mit dem Stifterverband sowie verschiedenen Unternehmen in einer jüngeren Veröffentlichung (2018) ein Future-Skills-Framework beschrieben, in dem 18 Skills in drei Kategorien eingebettet werden. Diese Future-Skills sind danach eine Teilmenge aller brachenübergreifenden, relevanten Fähigkeiten für den Zeitraum der nächsten fünf Jahre. Digitale Skills sind dabei genannt und bilden eine eigenständige Kategorie.

Leider und ein wenig überraschend wird auch hier nicht sauber zwischen Kompetenzen und Fähigkeiten getrennt, ganz im Gegenteil, textlich munter vermengt. Auch der benutzte Skill-Begriff hilft als Auflösung nicht weiter, da er im Englischen mit der Fähigkeit oder der Kompetenz verbunden wird, etwas gut zu können.

Während die erste Kategorie die Technologischen Fähigkeiten bestimmt (z.B. komplexe Datenanalyse), bestimmt die dritte Kategorie so genannte Klassische Fähigkeiten (z.B. Problemlösungsfähigkeit). Die zweite Kategorie passt nun zu unserer Frage, denn hier werden Digitale Grundfähigkeiten angesprochen, die im Berufsleben wie für die gesellschaftliche Teilhabe benötigt und im Arbeitsleben vorausgesetzt werden:

  • Das 1×1 des fortgeschrittenen ‚Lesens und Schreibens‘ in der digitalen Welt („Digital Literacy“)
  • Interaktionen über Online-Kanäle bewältigen („Digitaler Knigge“)
  • Effektive und effiziente Teamarbeit über Raum und Kultur hinweg („Kollaboration“)
  • Kundenorientierte, iterative Arbeit im Team („Agiles Arbeiten“, „Rapid Prototyping“)
  • Valides Wissen aus einer Vielzahl digitaler Informationen aufbauen („Digital Learning“)
  • Hinterfragung und (ethische) Folgenabschätzung eigenen digitalen Handelns („Digital Ethics“).

Die Auflistung der digitalen Grundfähigkeiten kann nicht verbergen, induktiv entstanden zu sein. Nicht nur, weil einiges (z.B. Ebenen) vermengt und beispielsweise mit der Agilität dem Zeitgeist Tribut gezollt wird, sondern auch, weil es keine theoretische Vorstellung zum Gegenstand gibt. Aber es ist eine doch diskussionsförderliche Annäherung, bei der zwei Nennungen hervorstechen.

Zum einen ist es das digitale Lernen (besser in der Bedeutung hier: Lernen von digitalen Informationen; digitales Lernen wäre eigentlich ein Lernen mittels digitaler Medien), zum anderen die digitale Ethik (besser in der Bedeutung hier: Ethik in der digitalen Welt; eine digitale Ethik ist eigentlich eine Maschinenethik). Dies sind fundamentale Bestandteile, die für einen Kompetenzaufbau unverzichtbar und zu unterstreichen sind, weil sie in der Regel gegenüber dem Wissensaufbau zurückfallen. Der Idee der „Grundfähigkeiten“ mag es geschuldet sein, dass „Kreativität“ nur allgemein unter den klassischen Fähigkeiten auftaucht und dabei innovative und kreative, d.h. Beschränkungen des jeweiligen Systems brechende gestalterische Komponenten der Kompetenz außen vor bleiben. Aber zu einer Kompetenz gehören diese mindestens ansatzweise dazu, ebenso wie die bereits erwähnte Lernkomponente.

Wie digital kompetent ist…ja eigentlich wer oder was?

Klar, Sie würden gerne wissen, wie Sie für die aktuelle und am liebsten auch für die zukünftige Situation gerüstet sind. Ihre Organisation wüsste das auch gerne, denn das entscheidet über die Zukunft der Organisation und die Ihrige in der Organisation vermutlich mit, nicht selten entscheidend.

Beratungen, deren Branchenumsatz sich aufgrund der digitalen Transformation auf einem historischen Höchststand in Deutschland bewegt, bieten an, das festzustellen. Drei Ebenen der digitalen Kompetenz sind hier interessant: Die digitale Kompetenz von Organisationen (inkl. ihres Netzwerkes), die digitale Kompetenz von Teams und die digitale Kompetenz von Führungskräften wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – getrennte, wenn auch nicht voneinander unabhängige Ebenen.

Gegen ein solches Vorhaben wird an sich nichts einzuwenden sein. Aber es gibt solche und solche Umsetzungen eines Vorhabens. Fragen, die sich da aufdrängen: Was ist das Problem? Was genau ist das Ziel der Untersuchung? Ist der Gegenstand klar definiert (Kompetenz oder nur Fähigkeiten?) Welche konzeptionellen Überlegungen (u.a. Auswahl der Fähigkeiten) wurden angestellt? Welche Methodik wird gewählt (meistens: Befragung)? Wie umfangreich werden die Ergebnisse interpretiert (gerne: überdehnt)? Welche Folgen fußen worauf mit welchem Ziel? Werden die Begrenzungen der Untersuchung (z.B. Entwertung der Kompetenz/Fähigkeiten) transparent dargelegt?

Es ist an Ihnen, solche Fragen zu stellen. Und Sie haben es in der Hand, sich unabhängig von Ihrem Haus mit der Digitalisierung zu beschäftigen, so wie Sie es durch das Aufrufen dieses Beitrages getan haben. Und deshalb wissen Sie: Der Prozess der Aneignung einer digitalen Kompetenz ist eine bis auf Weiteres Sie begleitende Aufgabe.

Baacke, D. (1999): Medienkompetenz als zentrales Operationsfeld von Projekten. In: Handbuch Medien: Medienkompetenz, Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, S. 31-35

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hg.) (2017): Monitoring Report. Wirtschaft Digital 2017, Berlin

Kawohl, J. /Becker, J. (2017): Verfügen Deutsche Vorstände über die Zukunftsfähigkeit, die die digitale Transformation erfordert? Berlin

Meffert, J. / Meffert, H. (2017): Eins oder Null, Berlin

Schröder, D. (2016): Die digitale Treppe, Frankfurt/M.

Stifterverband für die Deutsche Wirtschaft (Hg.) (2018): Future Skills – Welche Kompetenzen in Deutschland fehlen. Diskussionspapier Nr. 1 (Kirchherr, J. u. a.). Koopera­tions­projekt mit McKinsey.