„Organisationen müssen sich auf spontanere und innovativere Wege des Managens einlassen.“ Mit diesem Statement begründet die kanadische Managementforscherin Nancy Adler die Integration des Künstlerischen in die Organisationen, denn Kreativität sei nun einmal das Markenzeichen wahrer Kunst. So erleben wir sowohl in der Führungsforschung als auch in der Führungspraxis eine Entwicklung, die durch Kunst die ästhetische Wahrnehmung von Führungskräften anzuregen versucht. So werden zunehmend kunstbasierte Methoden im Führungskontext angewendet.

Dieser Beitrag gehört zur Serie: Leadership for Change

Auswahl weiterer Beiträge aus der Serie:

  1. Ambidextre Führung
  2. Artful Leadership
  3. Authentische Führung
  4. Idiosynkrasie-Kredit-Theorie der Führung
  5. Neuroleadership
  6. Servant Leadership
  7. Transformationale Führung
  8. Serie: Leadership for Change

Kernidee des Konzepts

Artful Leadership beruht auf der Idee, dass eine durch Kunst inspirierte Wahrnehmung von Zuständen, Geschehnissen und Personen neuartige Erkenntnisse ermöglicht, die in einer nur rational verstandenen Welt des Führens niemals ans Licht kämen. Dabei werden vor allem an die Kunst angelehnte Interventionsmethoden eingesetzt, die ein neues Denken in Change-Prozessen ermöglichen sollen. Im Mittelpunkt stehen hier visuelle bzw. bildnerisch-gestalterische Kunstmethoden, wie Filme, Fotografien, Kollagen, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, zudem Poesie und Storytelling, Theaterformen, Musik und Tanz. Aber auch Ortsbegehungen unter künstlerischer Anleitung gehören dazu. Man setzt bei alledem vor allem auf die provozierende Kraft der Kunst, manchmal aber auch nur auf die leise Schärfung aller Sinne durch

  • die Stimulierung individueller Wahrnehmungsfähigkeiten, um besser (insbesondere kontextsensitiver) zu spüren, was um uns herum und mit uns selbst gerade geschieht, zum Beispiel mehr Achtsamkeit für Gruppendynamiken und Atmosphärisches und damit auch für die Bedeutung und das Gestalten von sozialen Beziehungen,
  • die Eröffnung neuer Perspektiven und Möglichkeitsräume sowie eine Anregung der Reflexionsfähigkeit, insbesondere was fixierte und stereotype Vorstellungen sowie tradierte Denkschemata betrifft,
  • den produktiven Umgang mit Widersprüchen, Ambiguität sowie paradoxen Situationen sowie eine flexible Erweiterung von Verhaltensmustern und Praktiken; Improvisation, Spontaneität, das Aushalten von Irritationen, das Vertrauen auf Intuitionen, das Träumen und Experimentieren sollen vom ewigen Analysieren, Kalkulieren und Kontrollieren befreien.

Artful Leadership widersetzt sich damit der ermüdenden Selbstbezüglichkeit. Und es widersetzt sich vordergründiger und rein unterhaltsamer Showeffekte. Stattdessen geht es darum, aus dem Künstlerischen Kraft und Mut zur gemeinsamen Umsetzung innovativer Optionen des Wandels zu schöpfen. Die vom Gewohnten abweichende Überraschung soll als ein Modus der Führungspraxis zugelassen werden.

Leitgedanke

Jeder Mensch ist ein Künstler und so kann auch jeder Leader und jedes Teammitglied durch kreatives Handeln zum Wohle der Organisation beitragen (inspiriert von Joseph Beuys).

Bedeutung für Veränderungsprozesse

Artful Leadership hebt – im Gegensatz zu rational-analytischen Ansätzen – die Problemstellungen von der kognitiven auf eine inspirative und experimentelle Ebene. Neue Perspektiven der Veränderung können durch die Integration des Künstlerischen spielerisch aufgezeigt bzw. imaginär durchgespielt werden. Der besondere Wert für Change-Prozesse liegt darin, dass die für Veränderungen erforderlichen Spannungen erzeugt sowie die Grenzen zwischen Arbeit und Spiel gemeinschaftlich aufgebrochen werden können. Führungskräften und Teammitgliedern wird die Gelegenheit eröffnet, sich ein Stück weit von funktionellen Routinen und alltäglichen organisationalen Zwängen zu distanzieren. Die Kunst schafft somit einen geschützten Freiraum, der jedoch auch verlangt, sich aus der eigenen Komfortzone herauszubewegen. Dies kann zu Irritationen und Widerständen führen – und es kann scheitern. Aber es kann auch der Katalysator für ein neues Mindset der Innovationen sein und zur Erneuerung der organisationalen Infrastruktur und ihrer Prozesse beitragen.

Erfolgsgrößen

Die Effekte von Artful Leadership sind bislang kaum auf der Basis einer quantitativen Messung kausaler Wirkungszusammenhänge untersucht worden. Auch deshalb, weil komplexe Wirkungsbeziehungen sich oft einer fixierten Absicherung entziehen. Die Wirkungen kunstbasierter Interventionen werden dennoch vielfach positiv eingeschätzt, dies beruht zumeist auf einer fallbasierten empirischen Evidenz.

Interessanterweise wurde auch festgestellt, dass es Organisationsverantwortlichen schon beim Einsatz kunstbasierter Interventionen oder danach gar nicht mehr so sehr um eine harte Evaluation im Sinne einer kausalen Wirksamkeitsprüfung ging. Sie schätzten vielmehr positiv ein, dass die Wirkungen auf Change-Prozesse (beispielsweise für die Kommunikation) im günstigen Zusammenhang mit den genannten indirekten Kategorien wie Wahrnehmungsfähigkeit und Perspektiverweiterung stehen. Eine reine Instrumentalisierung der Kunst verspielt allerdings ihr Potenzial. Künstlerische Arbeit bleibt immer selbst ein Experiment, zwischen einer Abkehr vom Alltag und dem Wiedereintritt in denselben.

Verbreitung in der Unternehmenspraxis

Studien zeigen, dass zunehmend Künstler und künstlerische Prozesse in Change-Prozesse integriert werden, nicht zuletzt in namhaften Unternehmen. Allerdings ist erst dann von einer Artful Leadership zu sprechen, wenn die aus kunstbasierten Interventionen gewonnenen Einsichten sich in der alltäglichen Führungspraxis niederschlagen.

Hype-Potenzial: ★★★★

Die Integration des Künstlerischen in Organisationen erlebt aktuell einen regelrechten Hype, der angesichts der zunehmenden Ästhetisierung des Alltags und der Wirtschaft weiter anhalten dürfte. Der Wert von Artful Leadership für gemeinschaftliche Lernprozesse und Change Management liegt zuvorderst darin, dass die ganzheitliche Sinneswahrnehmung angeregt wird. Eine solche umfassende Sinneswahrnehmung verdrängt die Ratio nicht, stellt ihr aber ein eigenständiges Gegenüber zur Seite. Artful Leadership basiert auf der emanzipatorischen Idee, durch die Unbestechlichkeit der (wahren) Kunst Diskrepanzen zwischen dem Sein und dem Schein aufzudecken und einen neuen Spielraum für die Gestaltung der Zukunft zu gewinnen.

 

Dieser Text erschien ebenfalls in Changement!, 2018, 2, 24-25.