Welche Fähigkeiten benötigen Führungskräfte, um im Metaversum (Metaverse) erfolgreich zu führen? Nachfolgend wird sich mit Führungsqualitäten, der Verkörperung von Führung in virtuellen Welten und den Potenzialen von Metaversum Leadership auseinandergesetzt. So zeigt sich beispielsweise, dass die soziale Fähigkeit, Gemeinschaften aufzubauen, digitale Kompetenzen oder die Sicherstellung von Diversität und Inklusion sehr bedeutsam sind. Aber auch die Auswahl des eigenen Avatars ist nicht zu unterschätzen.

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Die Technologiebranche ist derzeit begeistert von der Idee des Metaversums (Metaverse), einer virtuellen Welt, die in Echtzeit erkundet und erlebt werden kann. Allerdings zeigt eine jüngere Umfrage der Bitkom Research im Auftrag der Initiative „Digital für alle“ von 1.006 Personen in Deutschland, dass 75 Prozent der Deutschen noch nie vom Metaversum gehört haben. Nur 15 Prozent kannten es und nur 4 Prozent trauen sich, es zu erklären (vgl. Bitkom 2022). Leadership Insiders wird im Folgenden auf den bereits 1992 von Neil Stephenson in seinem Science-Fiction Roman „Snow Crash“ geprägte Begriff genauer eingehen und insbesondere die Bedeutung für Führung in diesem noch unterschätzten, aber sich im Entstehen befindenden Raum, entfalten. Begleiten Sie uns.

Metaversum – Markt und Entwicklung

Der Metaversum-Markt, in 2021 22,79 Milliarden US-Dollar wert, wird nach Schätzungen voraussichtlich bis 2030 jährlich durchschnittlich um 39,8% wachsen. Der Aufbau des Metaversums wird durch wissenschaftliche und technologische Fortschritte, Bevölkerungsdemografie, soziale und kulturelle Umgestaltung und neue Wirtschaftssysteme vorangetrieben (vgl. Feltes 2023). Organisationen können im Metaversum Erlebnisse schaffen, die die reale Welt nicht bietet. Unternehmen wie Nike haben dort ihre eigene virtuelle Welt, in der Fans Spiele spielen und digitale Kleidung kaufen können, die ausschließlich von ihren Avataren getragen wird. Im Jahr 2021 verkaufte Gucci eine virtuelle Version einer Handtasche für einen höheren Preis als das physische Modell und schuf die Gucci Garden Experience, um virtuelle Produkte zu vertreiben. Das virtuelle Universum Decentraland, das von den Benutzern selbst verwaltet wird, verzeichnete in den letzten 12 Monaten 21.000 Immobilientransaktionen im Wert von 110 Millionen US-Dollar (vgl. Accenture 2022). Das Dreamscape Lab der Arizona State University hat ein innovatives Lernzentrum ins Leben gerufen, das sich auf immersive Lernumgebungen spezialisiert hat. Das Lab nutzt Virtual- und Augmented-Reality-Technologien, um realistische und interaktive Lernumgebungen zu schaffen, die es den Lernenden ermöglichen, praktische Erfahrungen zu sammeln und Problemlösungsfähigkeiten zu entwickeln (vgl. Dreamscape Learn 2023).

Woraus das Metaversum überhaupt besteht

Versetzen Sie sich einmal in das Jahr 2030: Eine Bauvorarbeiterin und ihr Kollege arbeiten auf einer Baustelle. Während sie einen Roboter steuern, der Asphalt auf einer Straße verlegt, erscheint die Führungskraft der Vorarbeiterin als Hologramm, um sie an ein bevorstehendes Treffen mit einem Stadtinspektor zu erinnern. Die Vorarbeiterin setzt ihre Virtual Reality-Brille (VR-Brille) auf und geht virtuell ins Büro der Planungsabteilung, wo sie an der Besprechung teilnimmt. Der Raum wird in Echtzeit mit Drohnenaufnahmen aus dem Inspektionsgebiet dargestellt, und die Teilnehmenden nutzen die Technologie, um das Projekt zu bewerten. Nach der Genehmigung durch den Inspektor kehrt die Vorarbeiterin zur Baustelle zurück (vgl. Accenture 2022, S. 4). So oder so ähnlich könnte die Arbeitswelt zukünftig aussehen. Die physische Welt scheint zunehmend mit intelligenten, digitalen Welten zu verschmelzen, und Organisationen werden in der Lage sein, über das gesamte Kontinuum hinweg zu agieren, von der Entwicklung intelligenter Fabriken bis hin zur Schaffung neuer digitaler Räume im Metaversum

Unternehmensbeispiele im Metaversum

Inzwischen sind bereits zahlreiche Unternehmen im Metaversum präsent. Selbstredend ist der Konzern Meta (Facebook, Instagram etc.) selbst prominent vertreten, aber es finden sich weitere bekannte Namen. Die beiden folgenden Videos geben einmal exemplarische Einblicke in Nikeland und Dreamscape Lab der Arizona State University in die Metawelt.

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Die beiden Beispiele zeigen eindrücklich, dass sich die Art und Weise, wie wir Menschen leben, arbeiten, lernen und sich verbinden, grundlegend erweitert wird. Aber woraus besteht das Metaversum eigentlich?

Was ist Metaversum eigentlich genau?

Konkret ist das Metaversum eine dreidimensionale virtuelle Welt, die aus verschiedenen Technologien besteht, die zusammenarbeiten, um eine immersive und interaktive Erfahrung für den Einzelnen oder eine Gemeinschaft zu schaffen (vgl. Ravenscraft 2022). Tatsächlich werden derzeit also viele unterschiedliche Metaversen mit verschiedenen Schwerpunkten und Ideen gebaut. Neben dem Spiel geht es um die Suche nach Informationen, Teamerfahrungen oder um kommerzielle Anwendungen.

Einige sind für Unternehmen, andere für Verbraucher konzipiert. Jedes hat unterschiedliche Plattformen, Partner und Technologien als Kern. Dieses Spektrum von Ideen wird sich im Laufe der Zeit vermutlich zu einer breiteren, einheitlicheren Erfahrung zusammenschließen. Das Metaversum kann also als ein sich entwickelndes und expandierendes Kontinuum auf mehreren Dimensionen aufgefasst werden: Es umfasst mehrere Technologien wie erweiterte Realität, Blockchain, künstliche Intelligenz (z. B. zur visuellen Wahrnehmung, Sprache inkl. automatischer Übersetzung, Entscheidungsfindung), digitale Zwillinge und intelligente Objekte – einschließlich Autos und Fabriken sowie Edge-Computing (Vernetzung in Echt-Zeit durch spezifische Architekturen etc.). Es umfasst das „virtuell-reale“ – die Bandbreite von Erfahrungen, von rein virtuell bis hin zu einer Mischung aus virtuell und physisch. Es beschreibt das Spektrum aufkommender Verbrauchererfahrungen und die Unternehmensanwendungen und -modelle, die neu gedacht und transformiert werden, wie die Beratung Accenture näher ausführt (2022, S. 7).

Avatare für das Ich, das Du und das Wir

Avatare stellen einen wichtigen Bestandteil des Metaversums dar (vgl. etwa Wu u. a. 2021). Avatare sind digitale Repräsentationen wie eine künstliche Person oder eine Grafikfigur, die Nutzenden ermöglichen, sich in der virtuellen Welt zu bewegen und mit anderen zu interagieren, auch um gemeinsame Aktivitäten durchzuführen. Avatare können benutzerdefiniert erstellt werden und ermöglichen es den Betreffenden, ihre Identität und Persönlichkeit in der digitalen Welt auszudrücken. Die Erstellung und Interaktion mit Avataren erfolgt durch die Nutzung von Technologien wie Virtual- und Augmented-Reality. In einem vorherigen Beitrag auf Leadership Insiders haben wir schon einmal gezeigt, wie das Digitale Coaching mit Avataren aussehen kann (vgl. Weibler/Müssigbrodt 2021).

Wie sich an Metaversum Leadership angenähert werden kann

Mit dem Aufstieg des Metaversums wird auch die Frage nach der Zukunft der Führung, dem sogenannten Metaversum Leadership (engl. Metaverse Leadership), immer relevanter. Die Art und Weise, wie Führungskräfte ihre Teams führen und mit Kund:innen interagieren, wird sich in der virtuellen Welt trotz grundlegender Gemeinsamkeiten deutlich von der in der physischen Welt unterscheiden. In diesem Zusammenhang gibt es spannende Fragen zu klären: Welche neuen Anforderungen kommen auf Führungskräfte zu? Welche Fähigkeiten sind besonders wichtig, um im Metaversum erfolgreich zu sein? Worauf muss bei der Auswahl von Avataren geachtet werden? Was ist eigentlich unter einem Leader-Digitalzwilling zu verstehen?

In der Literatur ist der Begriff Metaversum Leadership jedoch bisher kaum verbreitet und noch nicht allgemein akzeptiert. Was man jedoch findet, sind zunehmend Diskussionen und erste Studien darüber, wie das Metaversum die Art und Weise beeinflussen wird, wie Führungskräfte führen und welche Fähigkeiten sie (zusätzlich) benötigen werden, um in dieser virtuellen Welt erfolgreich zu sein. Auch lassen sich erste Aussagen über die Auswirkungen von Metaversum Leadership identifizieren.

Definition Metaversum Leadership

Leadership Insiders schlägt folgende Definition von Metaversum Leadership vor (analog Weibler 2023, S. 25):

Metaversum Leadership heißt andere durch eigenes, sozial akzeptiertes Verhalten im gleichnamigen digitalen Raum so zu beeinflussen, dass dies bei den Beeinflussten mittelbar oder unmittelbar ein intendiertes Verhalten bewirkt.

Auch hier geht es für eine erfolgreiche Führung weiterhin um die Gestaltung lebendiger Führungsbeziehungen, allerdings unter besonderen Bedingungen, die auf Basis von Kenntnissen zum Möglichkeitsraum und in der praktischen Nutzung von Technologien gestaltet werden müssen. Im Gegensatz zur bisherigen digitalen Führung, der in der aktuellen Auflage der „Personalführung“ viel Raum gewidmet wurde (Weibler 2023, S. 711), fallen einige der dort aufgeführten Einschränkungen gegenüber einer Führung in Präsenz weg, wiewohl nicht alle. So ist beispielsweise eine eigene, neue Körpererfahrung erlebbar, die durch den Raum und die Gestaltung des Avatars bewirkt wird.

Erste führungsbezogene Überlegungen im Metaversum

Nachfolgende führungsrelevante Aspekte wollen wir – so wie sie bisher diskutiert werden – nun im Zusammenhang mit Metaversum Leadership genauer beleuchten. Die Forschung steht hier am Anfang. Klar ist aber auch, dass vieles, was wir schon kennen, dorthin mitgenommen werden kann (Respekt, Wohlwollen…). Im Einzelnen schauen wir uns an: veränderte/spezifische Führungsqualitäten, digitale Kompetenzen, die Verkörperung von Führung in virtuellen Welten (Avatar und Digitaler Zwilling) sowie das Potenzial von Metaversum Leadership.

  • Spezifische Führungsqualitäten im Metaversum werden benötigt

In ihrem im Jahr 2023 erschienen Buch „Leadership in the Metaverse“ beschreibt die Autorin Carol Poor basierend auf dem Besuch verschiedener virtueller Welten und dem Interview zahlreiche Expert:innen drei Führungsqualitäten, die für eine erfolgreiche Führung im Metaversum von entscheidender Bedeutung sind: agile Strategie, authentische Führung und die Fähigkeit, Gemeinschaften aufzubauen:

  • Agile strategische Führung: Führungskräfte müssten agil und flexibel sein, um sich schnell an Veränderungen anzupassen. Sie sollten auch in der Lage sein, eine klare Strategie zu kommunizieren und sicherzustellen, dass alle Geführten auf die gleiche Vision hinarbeiten. Es sei wichtig, eine klare und visuelle Kommunikation zu schaffen, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten verstehen, was getan werden müsse.
  • Authentische Führung: Führungskräfte müssten Vertrauen aufbauen und zeigen, dass sie integer und kompetent sind. Sie müssten auch sicherstellen, dass sie in beiden Welten, der physischen und der digitalen, konsistent sind. Eine authentische Führungskraft sei bereit, auch als Avatar in virtuellen Welten aufzutreten und dabei ihre Integrität und Kompetenz beizubehalten.
  • Servant Leadership-Community Building: Führungskräfte müssten in der Lage sein, Gruppen sowohl in physischen als auch in digitalen Kontexten aufzubauen und zu vernetzen. Sie sollten eine Kultur der Inklusivität und Zusammenarbeit fördern, anstatt Trennung und Distanzierung zu erzeugen. Eine Servant-Leadership-Community-Building-Führungskraft solle in der Lage, eine Atmosphäre von Zweckmäßigkeit und Teilhabe zu schaffen.

Diese beschriebenen Führungsqualitäten werden auch außerhalb des Metaversums diskutiert. So wird man allenfalls vermuten können, dass diese Qualitäten noch wichtiger werden und dass Führungskräfte, die diese Qualitäten beherrschen, besser in der Lage sind, die Herausforderungen der virtuellen Welt zu bewältigen und bestehende Chancen zu nutzen.

  • Digitale Kompetenzen und technisches Know-how sind unverzichtbar

Daneben sind zweifelsfrei auch digitale Kompetenzen und technisches Know-how von entscheidender Bedeutung für ein erfolgreiches Metaversum Leadership. Führungskräfte sollten nicht nur ein grundlegendes Verständnis der im Metaversum verwendeten Technologien besitzen (das erfolgreiche Agieren als Avatar erfordert nach eigenen Erfahrungen schon etwas an Übung), sondern auch in der Lage sein, Daten zu sammeln und zu analysieren, um Einblicke in das Nutzerverhalten zu gewinnen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Ein umfassendes Verständnis von Technologie und  Datenanalyse ist daher unerlässlich, um im Metaversum effektiv zu agieren. Datenschutz ist im Metaversum ist aus anderer Sicht ebenfalls ein sehr wichtiger Aspekt, da die Nutzenden des Metaversums in der virtuellen Welt persönliche Informationen teilen und sich digital identifizieren müssen.

  • Verkörperung von Führung in virtuellen Welten ändert sich entscheidend (Avatar)

Das ist für uns der momentan wichtigste Punkt. Im Metaversum wird Führung anders als bislang verkörpert. In vielen Fällen kann es vorkommen, dass man als Führungskraft plötzlich in Form eines Avatars führen muss. Eine der faszinierendsten Fähigkeiten für Videospieler und Nutzende von Virtual Reality ist die Möglichkeit, durch die Anpassung ihres Avatars ihre Persönlichkeit zu verändern und verschiedene Rollen und Identitäten anzunehmen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Kontrolle über einen angepassten Avatar das Verhalten und die Wahrnehmung von Menschen beeinflussen kann. Zum Beispiel sind Teilnehmende, die ihre Spielavatare anpassen können, motivierter und haben mehr Freude am Spiel als diejenigen, die keinen Avatar anpassen können. Zudem kann sich der Effekt der Kontrolle von Avataren in Gesundheitsentscheidungen, Selbstvertrauen, Aggressivität, körperlicher Aktivität, ethnischen Vorurteilen, Körperbildern, Selbstobjektivierung, Kreativität und Überzeugung manifestieren.

Bislang wenig ist gegenwärtig darüber bekannt, wie sich die Wahl eines Avatars auf das Führungsverhalten auswirken kann. Eine aktuelle Studie von Jorge Peña, Mishael Aridi Barake und James Michael Falin aus dem Jahre 2023 ging dieser Frage nach und untersuchte, wie Avatar-Anpassungen Führungsstile aktivierten, die das nachfolgende altruistische Verhalten beeinflussen können. Die Teilnehmenden (N = 222) nahmen an einer Ressourcenverteilungsaufgabe teil, nachdem sie Avatare angepasst hatten, die ihr physisches Selbst mit den Eigenschaften demokratischer oder autoritärer Geschäftsführer im Vergleich zu einer Kontrollbedingung kombinierten. Das Ergebnis: Diejenigen, die ihren Avatar mit Eigenschaften autoritärer Führungskräfte versahen, waren weniger bereit, altruistisch zu handeln als diejenigen, die demokratische Eigenschaften verwendeten. Die Teilnehmenden haben außerdem ihren Avataren eine höhere Führungsbefähigung zugeschrieben als sich selbst.

Die Autoren verweisen hier auf den sogenannten Proteus-Effekt (vgl. etwa Yee/Bailenson 2007). Dieser bezieht sich darauf, dass Menschen, die virtuelle Avatare oder virtuelle Charaktere bedienen, Verhaltens- und Denkmuster zeigen, die mit dem Erscheinungsbild ihres Avatars oder Charakters zusammenhängen. Der Effekt ist nach dem griechischen Gott Proteus benannt, der sich in verschiedene Erscheinungen verwandeln konnte. Da die Anpassung des Avatars an bestimmte Eigenschaften von Führungskräften als das Verhalten der realen Person beeinflussen kann, sollten die Betreiber des Metaversums dies berücksichtigen und die Anpassung von Avataren mit positiven Eigenschaften fördern – sofern das Metaversum als ein Ort für soziales Engagement und positive Verhaltensweisen gesehen wird.

  • Verkörperung von Führung in virtuellen Welten ändert sich entscheidend (Digitaler Zwilling)

Neben dem Auftreten von Führungskräften als Avatare ist es zukünftig auch denkbar, dass „reale“ Führungskräfte digital kopiert werden (sogenannter Digitaler Zwilling; vgl. Kruse 2021). So könnten beispielsweise die Ergebnisse einer 360-Grad-Beurteilung ebenso hinterlegt werden wie gemessene Persönlichkeitseigenschaften, ein Resilienzprofil oder ein favorisierter Lernstil.

Ein Digitalzwillingmodell von Führungskräften kann zu personalisierten Empfehlungen und Vorhersagen führen, indem es eine Fülle von Daten und Merkmalen aggregiert und analysiert. Dies kann wiederum zu einem verbesserten Verständnis der Interaktionen und Kommunikationsmuster zwischen verschiedenen Gruppen und Individuen führen und so zu effektiveren Führungsstrategien und Karrieremöglichkeiten beitragen. Darüber hinaus können die gewonnenen Erkenntnisse auch gezielt als Grundlage für Führungstrainings genutzt werden.

  • Potenzial von Metaversum Leadership

Bislang deuten einzelne Studien die Potenziale von Metaversum Leadership an, viele Forschungsfragen sind allerdings noch offen. Eine Studie von Hayes (2014) konnte zeigen, dass eine Führungskraft durch die Nutzung von Avatarwelten, die Zusammenarbeit und die Effektivität Ihrer Teammitglieder verbessern kann. Konkret untersuchte die Studie den Nutzen von Avatar-basierten kollaborativen Umgebungen im Vergleich zu Software-Plattformen, die hauptsächlich Audio- und Video-Tools in zweidimensionalen Einstellungen nutzen. In der Pilotstudie von Hayes wurde konkret untersucht, ob eine Beziehung zwischen Engagement und Interaktion im Team besteht, wenn Avatar-basierte kollaborative Umgebungen genutzt werden. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Avatar-basierte Umgebungen die Interaktion zwischen Führungskräften und den Geführten tatsächlich durch erhöhtes Engagement beeinflussen können. Denkbar ist, dass Avatare mit einem höheren Grad an nonverbaler Ausdrucksfähigkeit diesen Effekt verstärken. So zeigte eine weitere Studie von Wu und Kollegen (2021), dass Teilnehmende, die mit hoch ausdrucksstarken Avataren interagierten, sich stärker sozial präsent fühlten und stärkere Anziehungskraft zeigten und bessere Leistungen bei der Aufgabe erbrachten als diejenigen, die mit Partnern interagierten, die durch weniger ausdrucksstarke Avatare dargestellt wurden. Die beiden genannten Studien legen Auswirkungen des Agierens im Metaversum auf „reale“ Führungsbeziehungen offen.

Letzteres verweist auf das Problem schlechthin: Die Trennung zwischen der virtuellen Welt und der „realen“ Welt. Führungskräfte müssen sicherstellen, dass sie in der Lage sind, virtuelle Interaktionen und Beziehungen angemessen zu managen, ohne dabei die Logiken zwischen einer „realer“ Welt und virtueller Welt durcheinanderzubringen und einen schleichenden Übergriff der Arbeitswelt auf das Privatleben zuzulassen (vgl. auch nachfolgend Apriori 2021).

Eine Herausforderung ist des Weiteren die mögliche Isolation und Entfremdung von Mitarbeitenden in der virtuellen Welt. Führungskräfte müssen sicherstellen, dass sie Maßnahmen ergreifen, um die Beziehungen zwischen Mitarbeitenden in der virtuellen Welt zu fördern und sicherzustellen, dass sie auch im physischen Raum verbunden bleiben. Ein zusätzliches Risiko ist die Abhängigkeit von Technologien. Das Metaversum basiert auf komplexen technologischen Systemen, die anfällig für Ausfälle und Sicherheitsbedrohungen sind. Führungskräfte müssen geeignete Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und Notfallpläne haben, um auf mögliche Störungen im System reagieren zu können.

Als eine der größten Herausforderungen wird zudem die Transformation bestehender Vergütungs- und Karrieremodelle für den Übergang ins Metaversum genannt. Es muss entschieden werden, welche Aufgaben unter Berücksichtigung unternehmenspolitischer wie -strategischer Überlegungen ins Metaversum ausgelagert werden sollen und welche nicht. Plötzlich stehen virtuelle, analoge oder gemischte Rollen für Geführte mit unterschiedlichen Qualifikationen, die neue Karrierepfade und Vergütungsmodelle erfordern, nebeneinander.

Mut zum Experiment ja, aber Unbedachtheit nein

Das Metaversum hält neue Erlebnis- und Arbeitswelten bereit. Wenn es gelingt, daraus ein erlebnisreicheres Arbeiten zu machen, als heutzutage so manche tagtäglich zu vergegenwärtigen haben, ist es per se interessant. New Work einmal anders.

Wir müssen aber auch wissen, dass es ein Experiment ist, in dem alle vielfältige Erfahrungen sammeln müssen, die zu bewerten sind: individuell, für die Organisation, für die Gesellschaft. Hier sollte man nicht abwarten, um einfach zu sehen, was andere machen, sondern es gilt bereits vor dem Ausbau Fehlentwicklungen zu benennen und unterschiedlichste Bedürfnisse zu berücksichtigen. So wird in einem Bericht der Beratungsfirma McKinsey & Co angeführt, dass Frauen in Führungspositionen im aufstrebenden Metaversum nahezu ausgeschlossen sind, insbesondere in der Schaffung und Festlegung von Standards (vgl. Takahashi 2022). Das Schaffen einer inklusiven und diversen Umgebung im Metaversum liegt jedoch zweifelsohne in der Verantwortung der Entwickler eines Metaversum Leadership. Nur so kann ein Backlash hin zu unprofessionellen Einseitigkeiten vermieden und eine zeitgemäße Führung auch im digitalen Raum angestrebt werden.

Ach ja. Wie geht eigentlich ihre Organisation mit dem Metaversum (Metaverse) um, und was macht sie, um Sie bei einer sich beschleunigt konkretisierenden Führungswelt nicht abzuhängen und Ihnen damit Optionen zu verschließen? Fragen Sie im Zweifel doch mal nach.

Accenture (2022): Meet me in the metaverse. The continuum of technology and experience, reshaping business. Abrufbar unter: https://www.accenture.com/_acnmedia/Thought-Leadership-Assets/PDF-5/Accenture-Meet-Me-in-the-Metaverse-Full-Report, abgerufen am 15.04.2023

Apriori (2021): Virtuelle Führung von Arbeitnehmenden im Metaversum. Abrufbar unter: https://www.apriori.de/blog/virtuelle-fuehrung-von-arbeitnehmenden-im-metaversum, abgerufen am 10.04.2023

Bitkom (2022): „75 Prozent haben noch nie vom Metaversum gehört“. Abrufbar unter: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/75-Prozent-noch-nie-Metaversum-gehoert, abgerufen am 19.04.2023

Dreamscape Learn (2023): Abrufbar unter: https://www.dreamscapelearn.com/, abgerufen am 16.04.2023

Feltes, I.V. (2023): Leadership in the metaverse era. Abrufbar unter: https://www.forbes.com/sites/forbesbusinesscouncil/2023/01/09/leadership-in-the-metaverse-era/?sh=496dee8e3dea, abgerufen am 15.04.2023

Hayes, P. (2014): The global leadership of virtual teams in avatar-based virtual environments. In: Nah, F.F.H. (Hrsg.): HCI in Business. Lecture Notes in Computer Science, 8527, Cham, S. 390–400

Kruse, K. (2021): The metaverse, digital Twins, and leadership development. Abrufbar unter: https://leadx.org/articles/the-metaverse-digital-twins-and-leadership-development/, abgerufen am 12.04.2023

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Takahashi, D. (2022): Women are locked out of leadership in the metaverse. Abrufbar unter: https://venturebeat.com/games/women-are-locked-out-of-leadership-in-the-metaverse-mckinsey/ abgerufen am 18.04.2023

Weibler, J.; Müssigbrodt, M. (2021): Digitales Coaching.  https://www.leadership-insiders.de/digitales-coaching/, abgerufen am 19.04.2023

Weibler, J. (2023): Personalführung, 4. Auflage, München

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Yee, N.; Bailenson, J. (2007): The Proteus Effect: The effect of transformed self-representation on behavior. In: Human Communication Research, 33(3), S. 271–290