Work-Life-Blending steht für die Idee einer durch Digitalisierung umfänglich ermöglichten flexiblen Überlagerung von beruflichen wie privaten Aktivitäten, losgelöst von Zeit und Ort. Euphorische Befürworter und dystopische Kritiker kommen diesbezüglich naturgemäß zu gravierend unterschiedlichen Bewertungen. Beide Sichtweisen tendieren allerdings zu überzogenen Vorstellungen, die entweder Chancen verschließen oder Risiken ausblenden.

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Industrie 4.0, Neue Arbeitswelten, New Work, Work-Life-Balance. Es mangelt nicht an Begrifflichkeiten, um Veränderungen im heutigen Berufsleben begleitend zu charakterisieren. Nun also auch noch Work-Life-Blending. Was ist damit angesprochen, ist es eigentlich neu und welche Bedeutung ist dem zuzumessen? Leadership Insiders skizziert die damit verbundene Vorstellung und bewertet sie.

Work-Life-Blending

Beim Work-Life-Blending liegt der Fokus eindeutig auf dem geräuschlosen Verschmelzen von Lebenswelt und Arbeitswelt, gleichsam der Aufhebung klar umrissener und genau definierter Bereiche, in denen Aktivitäten eindeutig einer der beiden „Welten“ zugeordnet werden können. Am Ende steht ein ständiges und dann auch kaum mehr wahrnehmbares Springen zwischen dem, was wir Arbeit oder Beruf nennen, und dem, was wir gemeinhin unter der Rubrik Freizeit, Lebenszeit, Privatheit einordnen.

Dieser Beitrag gehört zur Serie: New Work

Auswahl weiterer Beiträge aus der Serie:

  1. Glücksempfinden durch Arbeit – Maxime herausragender Führung
  2. Hierarchie contra Innovation? Wege zu einem „New Work“
  3. Über New Work und gesunden Menschenverstand – Experimentierfreude in einem „Unternehmen der Zukunft“
  4. Work-Life-Blending – Was heißt das und was bedeutet es?
  5. Das Team der Teams

Bedeuten würde dies beispielsweise, innerhalb gewisser Absprachen selbständig den Rhythmus seines Arbeitens zu wählen: Also bspw. morgens später anfangen, um noch einen Einkauf zu tätigen, die Bahnreise zu einem Freund nutzen, um den Projektbericht fertigzustellen und von dort aus um 23.00 Uhr kurz mit der Westküste der USA zu telefonieren, um die Ergebnisse eines dortigen Meetings zeitnah zu besprechen. Oder aber: Pünktlich um 7.30 Uhr im Büro aufschlagen und dort bis 17.00 Uhr zu verbleiben, weil man das Gefühl hat, wieder mehr Struktur in den Tag bringen zu müssen. Dies dann in einem Großraumbüro, was sich selbstredend stylisher nennt als es gemeinhin ist und, wenn es gut läuft, innenarchitektonisch durchdacht wurde. Oder man sucht auf die Schnelle einen von der Firma angemietetes oder abrechnungsfähiges Co-Working Space in der Nähe auf, wo Mitarbeiter aus anderen Firmen und einige aus der eigenen heute ebenfalls andocken.

Netflix, ein Vorreiter auf diesem Gebiet, ist u.a. dadurch bekannt geworden, dass die Mitarbeitenden am Hauptsitz in Kalifornien ihre Arbeitszeit und die Anzahl ihrer Urlaubstage schon frühzeitig eigenverantwortlich festlegen konnten.

Angetrieben und erleichtert wird ein solches Work-Life-Blending maßgeblich durch die informationstechnische Vernetzung von Dingen (z.B. Laptop), Personen und Systemen (Programme mit unterschiedlichsten Steuerungslogiken) und einer allzeit gegenwärtigen IT-Infrastruktur (z.B. Cloud Computing).

Work-Life-Blending ist faktisch eine wertende Beschreibung

Typischerweise beschreibt das Work-Life-Blending nicht nur einen Sachverhalt, sondern wertet ihn auch. Diese Wertung ist je nach Lager unterschiedlich.

Einerseits sehen wir die glühenden Befürworter, die Work-Life-Blending als eine hervorragende Möglichkeit erachten, eigene Präferenzen auszuleben. Für nicht wenige ist die Entkopplung der Arbeit von Zeit und Ort die Voraussetzung, am Arbeitsleben überhaupt teilzunehmen oder sich für einen interessanteren Job entscheiden zu können. Ansonsten wird es erfahrungsgemäß insbesondere als Option geschätzt, also in Kombination mit der Möglichkeit, bei Bedarf auch formal strukturierter arbeiten zu können. Der Reiz ist, denke ich, offensichtlich.

Andererseits hören wir auch Stimmen, die das Work-Life-Blending nahezu als eine Dystopie verstehen, die der „schönen neuen Welt“ eines Aldous Huxley kongenial entlehnt sei und für die totale Vereinnahmung des arbeitenden Menschen durch das Kapital und dessen Verwertungsinteresse stehe. Damit wären wir quasi bei Karl Marx, dessen Wirken und Wirkung in diesem Jahr, seinem 200. Geburtstag, unzählige, teils aufgefrischte Kommentierungen erfuhr. Und auch mein Kollege Christian Scholz nimmt in seinem neuestem Werk zum Thema Work-Life-Blending (2018) Bezug auf die Gespenstermetapher aus dem Kommunistischen Manifest, wenn er die sog. Disruption, sprich: die

„Zerstörung und Ablösung von etablierten Geschäftsmodellen durch digitale Innovationen“

vor Augen hat. Mit einem Work-Life-Blending werde das „Work“ vollkommen aus dem Unternehmen herausgezogen und laufe als „Universallogik der Digitalisierung auf völlige Abschaffung aller Grenzen hinaus“. „Die ganze Debatte um Digitalisierung, Flexibilität und vor allem Work-Life-Blending“ sei „raffiniertes Framing“, was Arbeit digital taylorisiere und spätestens dann zu einer „Mogelpackung“ mutiere, wenn es als ein „Entgegenkommen“ der Arbeitgeberseite ausgegeben werde. Vielmehr sei es eine auch von Personalvorständen vorangetriebene Strategie, Tagelöhner statt Stammbelegschaften zu beschäftigen, Kosten durch Desksharing und damit verringertem Raumbedarf zu sparen, Mitbestimmung zu unterlaufen und Arbeitspakte outzusourcen, nicht zuletzt Personalfunktionen.

Was ist da los, wenn technikinduzierte Begeisterung und, ich nenne sie einmal, apokalyptische Totalitarismus-Assoziationen, gepaart mit dem Vorwurf eines Renditestrebens um jeden Preis (vgl. Thielemann 2017), so eng beieinanderstehen?

Work-Life-Blending – Würdigung aus heutiger Sicht

Nun, die Antwort findet sich so schwer nicht, ist aber im Eigentlichen nicht im Work-Life-Blending zu suchen. Wie immer bei solchen Fragen haben wir es mit Wertedifferenzen zu tun, die bereits bei der Bedeutung der Arbeit für das eigene Leben ansetzen. Die Gretchenfrage ist jedoch:

„Nun sag, wie hast du’s mit der Digitalisierung?“

Warum? Die Vor- und Nachteile eines Bemühens seitens der Unternehmen, qualifizierte Mitarbeitende durch Freiräume zu motivieren und stärker an das Unternehmen zu binden, ist ein alter Hut, damit natürlich nicht obsolet. Diese Diskussion wird seit der Industrialisierung der Arbeit geführt. Aufschlussreich dazu sind immer noch die Ausführungen der Industriesoziologen Horst Kern und Michael Schumann aus dem Jahre 1984 anlässlich der damaligen Computerisierung der betrieblichen Produktion, die ebenfalls Chancen wie Gefahren einer damals neuen technologischen Lösung und ihren Folgen für Teams und mehr analysierten – u.a. ein Blick, den ich selbst einige Jahre später hinsichtlich des Umgangs der Mitarbeiter mit neu gewonnenen Handlungsspielräumen konkretisierte (1989). Auch sah die Debatte zur Unternehmenskultur ebenfalls sehr früh das Spannungsfeld zwischen der Identifikation mit dem Unternehmen und dem Verlust von individueller Autonomie.

Mit der Digitalisierung haben sich verschiedenste Spannungsfelder verschärft (z.B. Selbstbestimmtheit vs. Kontrolle). Gegenwärtig fällt deren Bewertung mit Blick auf Alltags- wie Arbeitsprozesse höchst unterschiedlich aus; ebenso herrscht Verwirrung über die eigenen Einflusschancen auf eben diese Entwicklung.

Beim Work-Life-Blending ist am Ende der Knackpunkt, wer denn eigentlich Bezugspunkt sein soll. Oder anders gefragt: Was ist das Meta Work Design?  Mitarbeitende oder die Organisation? Konkret: Ist es die Mitarbeitersicht, die prioritär ist (dann handelt es sich um eine Individualisierung von Arbeit und Arbeitsverhältnissen) oder die Unternehmenssicht? Die Antwort hat gravierendste Folgen. Zugespitzt vielleicht so:

„Beim Work-Life-Blending geht es gegenwärtig um den Kampf zwischen der Humanisierung der Arbeit und einer schonungslos fortgesetzten Strategie der Gewinnmaximierung in neuem Gewand“.

Wichtig ist hier zu wissen, dass Work-Life-Blending allein wegen unterschiedlicher Ausgestaltungsmöglichkeiten kein Selbstläufer sein darf, sondern dass sich idealerweise darüber zu verständigen ist, zumal die Vereinbarkeit einzelner Lebensbereiche bereits heute nicht gelänge, so der Zürcher Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie Theo Werner (Dieckhoff 2018).

Abgesehen davon: Dass es die Form des Arbeitens in Organisationen wird, ist im bisherigen Verständnis der Organisation von Arbeit aus verschiedenen Gründen ausgeschlossen.

Die Wissenschaft kann zum Work-Life-Blending kein gesichertes Wissen anbieten, weil es in dieser Form, gepaart mit New Work und einer Technologie, deren Ausprägungen und Folgen im Fluss sind, zu neu und zu vielfältig ist. Aber natürlich kann sie einzelne Stränge dieser Entwicklung gut beurteilen, auch wenn es am Ende immer auch auf die Wechselwirkungen ankommt.

Die neuerdings zunehmende Beachtung einer Work-Life-Balance sollte nach dem Gesagten nicht nur als Ausfluss einer gespürten Verdichtung der Arbeit selbst interpretiert werden, sondern auch als Ausfluss einer zu intensiven Überlagerung von Arbeits- und Nicht-Arbeitssphären.

Die beiden Soziologen Horst Kern und Michael Schumann haben bereits 1985 angesichts der damaligen neuen Qualität in der Rationalisierung von Produktionsprozessen etwas gesagt, was m.E. bei der Lagerspaltung auch heute eine Empfehlung sein könnte (S. 27):

„…denn man kann nicht beides zugleich: den Fortschritt einfahren wollen und seine Akteure zu Buhmännern stempeln“.

Was heißt das übersetzt? Übernehmen muss man vorgelegte Entwürfe zum Work-Life-Blending, die in sich ein notgedrungen einseitiges Fortschrittsverständnis tragen, automatisch sicherlich nicht. Wieso auch? Darüber nachdenken, warum nicht? Ausprobieren? Ich selbst täte es, wenn ich es nicht eh praktizieren würde.  Den Kritikern sei gesagt, dass es ja nicht so ist, dass der Status quo allseits ungeteilte Freude bereitet (z.B. Unzufriedenheit mit starren Hierarchien). Die Befürworter sind mit den möglichen Schattenseiten zu konfrontieren (z.B. Gefahr der Selbstausbeutung). Zum Schluss wird es so sein – das ist meine Prognose –, dass das Arbeiten in der Art eines Work-Life-Blending, eine von mehreren Standardformen sein wird, die sich allerdings auch ihrer Grenzen bewusst sein sollte.

Dieckhoff, A. (2018): Selbstausbeutung? Nein, Danke. In: IKZ, 22.05. 2018, Nr. 116, S. IWF_2

Kern, H./Schumann, M. (1984): Das Ende der Arbeitsteilung? München

Kern, H./Schumann, M. (1985) Das Ende der Arbeitsteilung? – Eine Herausforderung für die Gewerkschaften. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, 36(1) 27-39

Scholz, C. (2018): Mogelpackung Work-Life-Blending, Weinheim

Thielemann, u. (2017): Rendite um jeden Preis? Erschienen am 08.02.2017. Abgerufen am 20.05.2018

http://www.deutschlandfunkkultur.de/abgasskandal-rendite-um-jeden-preis.1005.de.html?dram:article_id=392505

Weibler, J. (1989): Rationalisierung im Wandel, Frankfurt/M.