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Gegenwärtig tobt in den USA der Präsidentschaftswahlkampf um die Nachfolge von Barack Obama. Das fortwährend bizarre Auftreten von Donald Trump wird seitens der Medien und anderer Beobachter dabei bevorzugt mit einem Begriff versehen: narzisstisch. Kann das jenseits einer damit direkt oder indirekt verbunden moralischen (Ab-)Wertung aber womöglich ein Indikator, ein positiver gar, für den Erfolg einer späteren Präsidentschaft sein?

Dieser Beitrag gehört zur Serie: Ethische Führung

Auswahl weiterer Beiträge aus der Serie:

  1. Management-Derailment – Wenn Führungskräfte aus der Spur kommen
  2. Wissenschaftliche Studie: Sind Narzissten die besseren US-Präsidenten?
  3. Bescheidenheit ist machtvoll – Führung durch Haltung
  4. Bad Leadership. Wenn im Büro die Angst regiert.

Das Terrain, auf dem wir uns bei der Suche nach einer Antwort bewegen, ist zweifellos unwegsam. Dies liegt zum einen an dem schillernden Begriff des Narzissmus bzw. des Narzissten und zum anderen an der Einschätzung, dass Narzissmus tatsächlich mit Zielerreichung und Führungserfolg verbunden sein kann.

Was ist Narzissmus überhaupt?

Fangen wir mit dem Begriff an. Dieser wird weithin mit dem Namen Sigmund Freud verbunden, obgleich der berühmte Psychoanalytiker den Begriff zur Beschreibung eines bestimmten Charakters eigentlich nicht entwickelte (das war um 1900 der Psychiater und Kriminologe Paul Näcke), wohl aber nachhaltig popularisierte. Freud betonte 1914 in seiner Abhandlung zur „Einführung des Narzissmus“, dass es sich um einen beschreibenden Begriff handele, der, eher selten in seinem Auftreten, ursprünglich auf das sexualisierte Verhältnis zum eigenen Körper verweist (Autoerotismus, Selbstverliebtheit). Namensgebend war die Figur des Narkissos (Narcissus, Narziss) aus der griechischen Mythologie, die von unerfüllbarer Selbstliebe geschlagen, im Angesicht ihres gespiegelten Ebenbildes verharrend, verstarb. Statt des Leichnams fand man später eine aus einem Blutstropfen gesprossene Pflanze, die Narzisse. Eine traurig-schöne Geschichte.

Während der Begriff des Narzissmus im Umgangssprachlichen heute nahezu durchgehend negativ konnotiert wird, wird in der wissenschaftlichen Diskussion zumeist zwischen einem produktiven und einem pathologischen (destruktiven) Narzissmus unterschieden (Kuhn/Weibler 2012). Dies lässt bereits erkennen, dass wir hier eher an ein Kontinuum als an eine einseitige Zuschreibung denken müssen. Von einer psychischen Störung kann nach Auffassung der American Psychiatric Association (2015; DSM-5) erst dann gesprochen werden, wenn differentialdiagnostisch vor allem ein bestimmendes, tiefgreifendes Muster von Großartigkeit, Grandiosität und Selbstherrlichkeit – sei es in der Fantasie oder im Verhalten – auszumachen ist. Dieses geht unmittelbar einher mit dem Bedürfnis nach Bewunderung und einem Mangel an Empathie.

Weitere Stichworte im Kontext des Narzissmus sind: das Gefühl der eigenen Wichtigkeit, zum Beispiel durch Überbewertung der eigenen Talente, grenzenlose Erfolgs- und Machtfantasien, das Eingenommensein von der eigenen Schönheit, der Glaube an die persönliche Einzigartigkeit, der Wunsch, Mittelpunkt von allem zu sein, das Eingehen von ausbeuterischen Beziehungen, das Ignorieren der Gefühle und Bedürfnisse anderer (sofern man sie überhaupt erkennt), Neid auf andere verbunden mit der Überzeugung, dass die anderen auf den eigenen Erfolg neidisch seien, sowie: schlichte Arroganz, nicht zuletzt aufgrund eines sehr verletzlichen Selbstwertgefühls. Dabei gilt: Nicht alle diese Kriterien, die noch näher beschrieben werden müssten, sind zur Sicherung einer Diagnose zwingend.

Verbreitung des Narzissmus

Der Beginn dieser Entwicklung ist im frühen Erwachsenenalter zu verorten. Die Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ wird überwiegend bei Männern gestellt. Abhängig von dem gewählten Diagnoseinstrument wird eine klinisch relevante Persönlichkeitsstörung bei 0,5% – 2% der Bevölkerung vermutet (nach DSM höher). Weit verbreiteter sind jedoch charakterliche Wesenszüge, die  narzisstisch geprägt sind, aber nicht im eigentlichen Sinne pathologisch erscheinen (sog. subklinischer Narzissmus). Joshua D. Miller von der University of Georgia zeigte mit einem Forscherteam kürzlich (2015), dass man andere in der Regel als narzisstischer als sich selbst wahrnimmt, diese Zuschreibung bei beruflich höherem Status und sichtbarer Position zunimmt und dass – dies ist mit Blick auf die US-Präsidentschaft wichtig – Amerikaner als tendenziell narzisstischer eingestuft werden als andere Landeskulturen.

Narzissten als US-Präsidenten

Der Frage, ob bzw. inwieweit ein (positiver, negativer) Zusammenhang zwischen narzisstischer Persönlichkeitsprägung und erfolgreicher Führung besteht, stand schon im Mittelpunkt einer breit angelegten Studie um die Psychologin Ashley L. Watts (2013). Herausstechendes Merkmal dabei: „Gegenstand“ der Untersuchung waren nicht etwa Führungskräfte oder CEOs, sondern alle 41 U.S.-Präsidenten bis (inklusive) George W. Bush. Methodisch sehr aufwendig wurde dabei in zwei grundlegenden Schritten vorgegangen: Zum einen galt es, Art und Ausmaß der narzisstischen Prägung eines jeden Präsidenten zu bestimmen. Als Spielarten des Narzissmus wurde dabei insbesondere zwischen sog. „verletzlichen“ Narzissten und „grandiosen“ Narzissten unterschieden – erstere geprägt durch Introversion, Ängstlichkeit und Abwehrverhalten, zweitere durch Extraversion, Selbstbewusstsein und Aggressivität. Die Bestimmung des Ausmaßes dieser Prägungen bei den U.S.-Präsidenten erfolgte durch Experten (z.B. Historiker oder Biografen mit Spezialwissen zu einem/mehreren Präsidenten), die jeweils einen 596-teiligen Fragebogen auszufüllen hatten. Das Ergebnis dessen ist interessant an sich – ein „Presidential Ranking“, das bspw. ausweist, dass Richard Nixon bei den „verletzlichen“ Narzissten sehr weit oben rangiert (Watergate lässt grüßen), während George W. Bush, John F. Kennedy und besonders auch Ronald Reagan mit dieser Prägung wenig gemein hatten. Die obersten Positionen bei den „grandiosen“ Narzissten bekleiden: L.B. Johnson, Theodore Roosevelt, Andrew Jackson, F.D. Roosevelt sowie John F. Kennedy.

So weit, so aufwendig. Im Weiteren mussten nun allerdings auch die Leistungen und Erfolge eines jeden Präsidenten erfasst werden. Grundlage hierfür waren verschiedenste historische Untersuchungen, die Aufschluss über die moralische Autorität, Wirtschaftskompetenz, außenpolitischen Erfolge, Risikobereitschaft, das Krisenmanagement der Betreffenden und anderes mehr gaben. Hinzu kamen dann noch weithin objektive Kriterien wie Dauer der Präsidentschaft, Skandale, illegale Machenschaften, Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) und sonstiges.

Im Ergebnis erbrachte die Studie vor allem Erkenntnisse zu den „grandiosen“ Narzissten. Ihre Präsidentschaften zeichnen sich durch überdurchschnittliche Erfolge aus, sind häufig aber auch durch stark negative (Fehl-)Leistungen (v.a. in moralischen Kategorien) begleitet (J.F.K und Bill Clinton zählen im Übrigen zu dieser Gruppierung). Überdies konnte festgestellt werden: Grandiose Narzissten sind unter den U.S.-Präsidenten weit häufiger vorzufinden als im U.S.-amerikanischen Bevölkerungsdurchschnitt und – last but not least: Grandiositätsgefühle verstärken sich in der Regel im Laufe der Präsidentschaft.

Trump als „double-edged sword“?

Grandiose Narzissten können, so sie in Machtpositionen gelangen, in der politischen Arena also beides werden: Überdurchschnittlich erfolgreiche Führer – oder außergewöhnlich schlechte Führer. In diesem Sinne sind sie in jedem Falle eines: Höchst risikoreiche Führer, die in untemperierten Zeiten eine durch die Medienlogik verstärkte Aufmerksamkeit finden.

Anmerkung: Es sei darauf hingewiesen, dass in der von Ashley L. Watts u.a. zitierten Studie auch differenzierte Einflüsse weiterer Persönlichkeitsfaktoren in Kombination getestet wurden, aber viele Fragen nach Verstärkungen und Abschwächungen narzisstischer Persönlichkeitszüge noch offen sind. Es wird vermutet, dass in kollektivistischen Gesellschaften die negativen Effekte noch stärker ausfallen. Man muss im Übrigen davon ausgehen, dass moderate narzisstische Züge bedeutsame Schnittmengen mit anderenorts als positiv bezeichnete Eigenschaften und Verhaltensweisen ausweisen, beispielsweise für ein sicheres und einnehmendes Auftreten oder das „Selling“ von Ideen oder Produkten, die bei weniger enthusiastischer Präsentation nicht gerade faszinierend sind.

American Psychiatric Association (2015): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5, Göttingen u.a. (dt. Ausgabe hrsg. von Peter Falkai und Hans-Ulrich Wittchen)

Kuhn, T./Weibler, J. (2012): Führungsethik in Organisationen, Stuttgart

Miller, J.D. u.a. (2015): Narcissism and United States’ Culture: The View From Home and Around the World. In: Journal of Personality and Social Psychology, 109(6), 1068-1089

Watts, A.L. u.a. (2013):  The Double-Edged Sword of Grandiose Narcissism: Implications for Successful and Unsuccessful Leadership Among U.S. Presidents, in: Psychological Science, 24(12), 2379-2389