Sabbaticals werden bei Führungskräften immer beliebter – ebenso bei Mitarbeitenden. Aber welche Motive erzeugen überhaupt den Wunsch nach einer Auszeit? Wie erleben die Betreffenden  diese Zeitspanne? Und was sind die Folgen? Eine eigene Studie zeigt auf, dass Personen vielfältig gestärkt aus der Auszeit zurückkommen. Aber Letzteres  gilt nur unter einer Bedingung.

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Einmal aus dem Beruf aussteigen? Träume realisieren, Kräfte sammeln, neue Wege finden? Gedanken und Wünsche, die wohl fast jeder kennen dürfte. Ein Sabbatical kann dies ermöglichen. Und immerhin: Während 2008 lediglich 3 % der Unternehmen in Deutschland ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Sabbatical angeboten hatten, waren es 2012 bereits 10 % – dennoch wird der Bedarf nicht gedeckt. Aktuelle Befragungen deuten darauf hin, dass knapp die Hälfte eine Auszeit vom Job für sinnvoll hält. Angesichts der zunehmenden Beschleunigung des Arbeitslebens, der wachsenden Sensibilität für eine bessere Work-Life-Balance und einem teilweise deutlich veränderten Karriereverständnis dürfte sich die Einschätzung eher noch erhöhen. Leadership Insiders legt nun eine eigene Studie zur Erfahrung mit Sabbaticals vor.

Was ist ein Sabbatical?

Das Sabbatical beschreibt – obwohl es gemeinhin für eine vorab definierte Auszeit von der Arbeit steht – ein Arbeitszeitmodell. Dem Arbeitnehmer wird die Möglichkeit gegeben, für eine gewisse, durchaus auch längere Zeit befristet aus dem Beruf auszusteigen. Nach einer vorab definierten Zeit des Sabbaticals kehrt er wieder an den Arbeitsplatz zurück.

Das Wort „Sabbatical“ kommt aus dem Hebräischen und steht dort für einen Ruhetag (den Sabbat) und damit für ein „Innehalten“ bzw. „Mit-Etwas-Aufhören“. In der Fortführung einer Auszeit vom Beruf wurde das Sabbatical zunächst im Hochschulbereich gepflegt, um Professorinnen und Professoren die Möglichkeit zu geben, sich der Forschung ohne Lehrverpflichtung widmen zu können. Erstmals wurden Sabbaticals an der Harvard Universität im Jahr 1880 angeboten. Sie ermöglichten den Professoren dort bei halber Bezahlung alle sieben Jahre ein Sabbatical einzulegen. Erst viel später entdeckte die Wirtschaft das Konzept für sich. Ein gesetzlicher Anspruch auf eine Auszeit existiert jedoch nicht.

Sabbatical-Modelle

Sabbaticals sind generell den Work-Life-Balance-Maßnahmen und im Speziellen den flexiblen Arbeitszeitmodellen zuzuordnen. Die Dauer und das konkrete Modell inklusive der genauen Konditionen sind vom Unternehmen und dem zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber geschlossenen Vertrag abhängig.

Zwei Beispiele sind das Teilzeit- und das Ansparmodell bzw. Zeitwertkonten. Bei dem sog. Teilzeitmodell vereinbart der Arbeitnehmer einen Teilzeitvertrag, arbeitet jedoch Vollzeit weiter. Die übliche Arbeitsleistung wird damit geringer entlohnt und das „angesparte“ Gehalt wird anschließend während des Sabbaticals ausbezahlt oder anderweitig verrechnet. Bei dem sog. Ansparmodell auf Zeitwertkonten besteht die Möglichkeit, Überstunden, Urlaubstage, Teile des Gehaltes oder Sonderzahlungen zu sammeln und diese im Sabbatical in freie Tage umzuwandeln. Was angespart werden kann, muss im Vorfeld vom Unternehmen definiert und fixiert werden.

Im Alltags- wie Firmengebrauch zählen auch vom Arbeitgeber gewährte Sonderurlaube von mindestens vier Wochen Dauer oder unbezahlte längere Abwesenheiten nach einer bestimmten Zeit der Betriebszugehörigkeit mit Rückkehrgarantie hierzu. auch ist ein selbst angestrebter unbezahlter Urlaub hierzu zu zählen (finanziert durch Ersparnisse, Erbschaft etc.).

Wird in der Praxis nahezu alles, was eine mindestens vierwöchige Auszeit besitzt, gerne als Sabbatical bezeichnet, sollte eigentlich eine mindestens dreimonatige Auszeit zugrunde gelegt werden, um überhaupt das Eintreten spezifischer Wirkungen, die sich von längeren Urlauben unterscheiden lassen, zu ermöglichen. In diesem Sinne würde eine Zeitspanne von sechs bis zwölf Monaten (plus X) der Idee eines Sabbaticals wesentlich besser gerecht werden.

Erfahrungen mit Sabbaticals

Work-Life-Balance oder Arbeitszeitflexibilisierung sind in aller Munde und werden beständig beforscht. Sabbaticals haben jedoch trotz der steigenden Bedeutung deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen, sodass es zu diesem Themengebiet insgesamt nur wenige wissenschaftlich fundierte Studien gibt. Stattdessen lassen sich aber vielfältige Ratgeber und Erfahrungsberichte in Form von Büchern, Zeitungsartikel und sogar ganzen Internetseiten finden, auch eine Art des Ausdrucks von anhaltendem Interesse.

Wir haben uns deshalb entschlossen, eine eigene wissenschaftliche Studie auf Basis der Grounded Theory-Methode, einem qualitativen Forschungsansatz, der auf eine iterative Theorie-Praxis-Kombination setzt, durchzuführen. Nicht die Anzahl der hierzu Interviewten ist dabei entscheidend (es waren zehn), sondern deren Geeignetheit und Aussagefähigkeit mit Blick auf die Fragestellung. Einbezogen wurden Personen, die in ihrer Mehrheit eine 6 bis vor allem 12-monatige Auszeit nahmen. Die Teilnehmenden waren zwischen 30 und 45 Jahren alt, zu Zweidritteln männlich und arbeiteten nach ihrem Sabbatical gerade wieder oder schon wieder bis zu drei Jahren in ihrem Unternehmen.

Das Ziel  der  Studie war es besser zu verstehen, welche Motivationen zu einer Inanspruchnahme eines Sabbaticals führen. Dann zu erfahren, ob es verschiedene Erlebnisqualitäten im Zeitablauf gibt. Zudem noch, welche individuellen Veränderungen durch das Sabbatical wahrgenommen wurden und wie die Zeit nach dem Wiedereintritt in das Unternehmen verläuft.

Ein Sabbatical ist kein Zufall

Generell gilt, dass sich verschiedenste Motivationen für ein Sabbatical entwickeln und nur der Zeitpunkt der Umsetzung von der persönlichen, familiären und beruflichen Situation abhängig ist. Die Entscheidung für ein Sabbatical ist in der Regel das Resultat eines längeren Prozesses der Auseinandersetzung damit. Jedoch gibt es auch Schlüsselerlebnisse oder Probleme, die als spontaner Auslöser den Wunsch nach einer befristeten Auszeit anregen. Hierzu zähen Schicksalsschläge, plötzliche Sinnkrisen und Unzufriedenheit sowie akute Stressfolgen.

Als Motivationen ließen sich folgende herausarbeiten:

  • Zeit zum Reisen („Traum“)
  • Zeit für die Familie („Prioritäten anders setzen“)
  • Zeit für sich selbst („Freiheit spüren“, „Reflexion“)
  • Zeit zur Erholung („Energie tanken“)
  • Zeit zur Weiterbildung („Studium“, „Fortbildung“).

Bei den wenigsten ist es nur ein einziger Grund, der sie dazu bewegt, ein Sabbatical tatsächlich anzugehen. In den meisten Fällen ist es eine Kombination aus mehreren Gründen, die zum dem Wunsch nach einer geplanten längeren Freistellung vom Beruf führt.

Ein Sabbatical folgt einem Phasenverlauf

Ein Sabbatical wird psychisch im seinem Verlauf unterschiedlich erlebt. Folgende vier Phasen konnten hierbei unterschieden werden:

  • Phase des Nicht-Realisierens / Phase des Urlaubsgefühls
„Also am Anfang […] habe ich noch von der Arbeit geträumt nachts. Da war ich völlig im Urlaubsmodus, da war ich im Urlaub.“
  • Phase des Verstehens
„Und das kam dann erst nach vier bis fünf Wochen […] Ich habe jetzt verstanden, dass ich im Raus-bin-Modus angekommen bin. Diese Erkenntnis, diese Wahrnehmung zu sagen ‚Ich habe Zeit!‘.“

Das Verinnerlichen und Verstehen des Sabbaticals mit allen Konsequenzen kommt in den meisten Fällen somit erst nach dieser Phase – auch bei denjenigen, bei denen die vorangegangene Phase nicht als Urlaub wahrgenommen wird. In vielen Fällen setzt diese Wahrnehmung nach drei bis fünf Wochen ein und somit quasi nach der Dauer eines normalen Jahresurlaubes, bei anderen später.

  • Phase des Bewusstseins
„[…] und das letzte war einfach in einem Zustand, den ich selbst so beschreiben würde: Ich konnte, aber ich musste auch nicht mehr.“ 

Nach diesem Umbruch setzt in den meisten Fällen die Phase des Entspannens und Genießens ein. Die Sabbaticalteilnehmer empfinden diese Phase als Freiheit. Hier ist Raum für tiefere Einsichten und Reflexionen.

  • Phase der Vorfreude auf die Rückkehr

Die einen freuen sich in dieser Phase wieder eine feste Aufgabe und Struktur im Leben (zurück) zu bekommen oder auch wieder etwas anderes zu machen. Andere freuen sich auf die gewohnte Umgebung, den Komfort, auf die Freunde und Kollegen.

„[…] das habe ich am Ende schon gemerkt, dass es auch Zeit wurde, dass mal wieder eine Aufgabe auf mich wartet.“

Die Erlebnisqualtäten, die hier nur angedeutet werden, sind kognitiv wie emotional zu fassen und kreisen um

  • Freiheit und Selbstbestimmtheit (!)
  • Entspannung und Erholung
  • Selbstreflexion
  • Selbstfindung

Genießen, sich auszuprobieren, Fragen zu stellen, wozu im Alltag die Zeit fehlt, sind Wege, um die beschriebenen Zustände mit Leben zu füllen.

Ein Sabbatical hat Folgen

An dieser Stelle möchten wir herausstellen, dass Folgen sowohl Einsichten wie Praktiken umfassen. Sie kreisen dominant um Themen wie Commitment, Selbstbewusstsein (auch darüber, was man nicht will!), Resilienz und Motivation – und betreffen, wie sofort zu sehen ist, ebenso für die Organisation relevante Themen. Aber auch Achtsamkeit, Erholung und Zufriedenheit spielen eine Rolle. Nicht alles bei jedem und nicht immer in derselben Wertigkeit. Durchgängig jedoch erhält die Work-Life-Balance einen höheren Stellenwert.

Die Interviews zeigen, dass die meisten Veränderungen nur unter einer Bedingung auftreten: Die Auszeit muss wirklich als frei und selbstbestimmt wahrgenommen wird. Ist der Tagesablauf während der Auszeit weiterhin größtenteils fremdbestimmt – und hierfür steht das Studium als Prototyp – haben die Betroffenen keine Chance, längere Zeit aus dem Arbeitsrhythmus herauszukommen. Nur die Inhalte der Belastung wechseln. Es gibt weniger andersartige Anlässe, es fehlt die Zeit zum Nachdenken und zur Selbstreflexion, sodass sich keine oder nur wenige Einstellungen und Praktiken ändern.

Insgesamt liegen damit klare Verbindungen in dieser Studie zu Erkenntnissen der positiven Psychologie, der Arbeitsgestaltung oder der Stressforschung vor. Zweifelsfrei besteht dennoch die Notwendigkeit zu wissenschaftlichen Wirkungsstudien, gerade mit Langzeitbezug, in unterschiedlichen Kontexten.

Zurück im Alltag nach dem Sabbatical

Fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einem Sabbatical kommen mit neuen Einstellungen und Praktiken zurück in den Berufsalltag. Einigen gelingt die Umsetzung ihres Changes der besonderen Art recht gut. Generell war jedoch ein Drittel der Interviewten gefährdet, wieder in alte Muster zurückzufallen, erneut zu viel Stress an sich heran zu lassen und gute Vorsätze zu verwerfen. Dann bleibt nur die schöne Erinnerung. Deshalb ist das Sabbatical nie mit dem Wiedereintritt abgeschlossen. Vielmehr ist es eine fortwährende Aufgabe, das erweiterte oder veränderte Mindset beharrlich im Berufsalltag mit Leben zu erfüllen. Der Weg des Wandels ist stets ein steiniger, aber wer weiß, was er möchte, kann ihn nun konsequenter gehen.

Und was heißt dies alles für Sie? Vielleicht hilft Ihnen, zu wissen, was andere dachten, die sich in Ihrer Situation befanden und sich dann zum Sabbatical entschlossen:

„Äh, ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt“.
Davidson, O. B. U.a. (2010): Sabbatical leave: Who gains and how much. In: Journal of Applied Psychology, 95(5), S. 953–964

Human Capital Online (2014): Take a break. Sabbaticals on a high. S. 42-44

Möller, F. (2018): Alles über Sabbatjahr, Sabbatical, Auszeit & Ausstieg auf Zeit.

http://www.sabbatjahr.org. Zugriff: 13.08.2018.

Siemers, B. (2005): Sabbaticals – Optionen der Lebensgestaltung jenseits des Berufsalltags, Frankfurt am Main, zugl.: Diss., Univ. Bremen 2004 unter dem Titel: Sabbaticals – Optionen der Lebensgestaltung jenseits des Berufsalltags.

Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages (2008): Voraussetzungen und Erfahrungen des Sabbaticals in der freien Wirtschaft. https://www.bundestag.de/blob/412800/256d4577f4f31862e5776cf786aec8cf/wd-6-191-08-pdf-data.pdf. Zugriff: 19.08.2018.

Allmendinger, J./ Samteben, C./Wotschack, P (2017): Gesetzlich garantierte „Sabbaticals“ – ein Modell für Deutschland? – Argumente, Befunde und Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, Berlin.